Die meisten von Euch haben es wohl nicht mehr für möglich gehalten und auch wir haben in der Zwischenzeit durchaus daran gezweifelt, ob wir den letzten Teil unseres Videoblogs noch fertig bekommen. Aber was wäre das für eine schlechte Performance gewesen.
Daher kommt nun eine Woche vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison der letzte und vielleicht auch interessanteste Teil unserer Reise hier auf den Blog: Auftaktspiel Deutschland gegen Portugal, Lemberg von seiner besten Seite und eine Hommage an Herbert Grönemeyer. Alles in einem Video, danach ist Schluss.
Ein Wiedersehen mit diesem hoffnungsvollen Team gibt es dann 2014. An der Copacabana.
Die Fahrt nach Osten setzt sich unaufhaltsam fort und unserer nächster Stopp ist in Kiew. Die Hauptstadt der Ukraine hat einiges zu bieten und das gute Wetter sorgt dafür, dass wir auch viel davon zu Gesicht bekommen. Es sind die letzten Eindrücke, bevor wir uns in Lviv auf das erste Gruppenspiel der Deutschen Nationalmannschaft vorbereiten. Anpfiff am Dnjepr!
Erste Station: Warschau! Eine kurze, knackige Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Euch erwarten Geschichten aus Kultur, Historie und Sport. Lasst euch mitreißen von der Einzigartigkeit der polnischen Hauptstadt.
Die Fahrt hat begonnen, der Tunierbeginn lässt nicht mehr lange auf sich warten und hier kommt der erste Beitrag aus dem Osten Europas. Der offizielle Teaser für die Berichte der kommenden zehn Tage.
Ende, Aus, Nikolaus
Ende? Aus? Nikolaus? Naja, nicht ganz. Nach 67 Beiträgen in etwas mehr als fünf Monaten ist mit dem gestrigen Bericht aus New York meine Reiseberichterstattung zwar vorerst beendet. Langweilig wird es aber trotzdem nicht. Matthias wird in den kommenden Wochen noch die ein oder andere Erfahrung aus Peru und Ecuador veröffentlichen und auch ich werde mich hoffentlich schon in der kommenden Woche mit einem Videoblog von der Fußballeuropameisterschaft aus Polen und der Ukraine zurückmelden. Die Berichte und eine Fotoauswahl unserer Reise sollen zudem im Herbst als Buch erscheinen, in welcher Form ist noch unklar, aber man darf gespannt sein. Wir bleiben “ON AIR”.
In diesem Sinne.
Bullen, Banker und Bengalen
New York, 17. April 2012
Die Melodie geht ins Ohr, bleibt im Kopf, beschwingt die Sinne, durchfließt die Beine und ist sofort bei mir präsent, sobald ich in diese Stadt komme. Dies ist nun immerhin schon zum dritten Mal der Fall und während in der Ferne die Skyline von Manhattan langsam Konturen annimmt und vor mir die brachliegenden Bahn- und Industrieanlagen von New Jersey am Busfenster vorbeiziehen, summe ich leise diese eingängige Melodie, die Melodie von Frank Sinatras Hymne „New York, New York“. Es ist ein strahlend sonniger Frühlingsmorgen und ich nutze meinen zehnstündigen Aufenthalt in „Big Apple“ für einen Ausflug in die Stadt. Am Vortag hatte ich tatsächlich ohne große Probleme von Travel Nation einen neuen Flug bekommen und noch einen ruhigen und beschaulichen Abschlusstag in Perus Hauptstadt verbringen können. In den späten Abendstunden war mein Südamerika-Abendteuer dann unwiderruflich vorüber und der Flug über das endlose Lichtermeer von Lima hinweg in Richtung pechschwarzen Pazifik war ein letzter, unvergesslicher Augenblick. Die morgendlichen Formalitäten am Flughafen Newark in New Jersey verliefen überraschend zügig, die Zöllner waren ausgesprochen gut gelaunt und die nationale Terrorwarnstufe war ausnahmsweise einmal nicht in der höchsten Kategorie eingestuft. Man könnte meinen es war fast wie früher, bevor die große Terrorhysterie aus dem einstigen „Mutterland der Freiheit“ eine „Trutzburg der Willigen“ werden ließ, ein Land im ständigen Ausnahmezustand.
Meinen Rucksack konnte ich direkt der Gepäckabfertigung übergeben und auch das Boarding-Ticket ist bereits in meinem Besitz. Einem entspannten Tag in Manhattan steht also nichts mehr im Weg, als ich am Time Square aus dem Shuttle Bus steige und über den Broadway in Richtung Herald Square schlendere. In den Großstädten an der amerikanischen Ost- und Westküste, insbesondere in New York und San Francisco, ist erfreulicherweise schon seit Jahren ein deutlich gesteigertes Umweltbewusstsein zu erleben, das zwar nicht vergleichbar ist mit den Fortschritten in Deutschland und Europa, aber immerhin einen wohltuenden Kontrast bietet zu dem weit verbreiteten Bild in der medialen Berichterstattung und der bitteren Realität in den provinziellen Gegenden der Vereinigten Staaten, den Heimatregionen der republikanischen Stammwählerschaft. Der Broadway, die Schlagader von Manhattans Verkehrssystem, ist mittlerweile an vielen Stellen verkehrsberuhigt, Sitzmöbel und Grünanlagen, Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein und machen die einstige Hauptstraße zum Naherholungsgebiet inmitten der Stadt. Auch die vielen Radfahrer, die inzwischen fast mit der Anzahl der „Yellow Cabs“, der berühmten gelbfarbenen New Yorker Taxen, aufnehmen können, bringen frischen Wind ins Straßenbild und sorgen zumindest für eine gefühlte Reduzierung des Kraftfahrzeugverkehrs.
Der altehrwürdige Shoppingtempel von „Macy’s“, der einen gesamten Block einnimmt und in dem man sich mit Leichtigkeit hoffnungslos verlaufen kann, ist das genaue Gegenteil von gefühlter oder tatsächlich praktizierter Nachhaltigkeit. Als Europäer komme ich nicht nur in den Genuss der ohnehin schon günstigen Preise, sondern profitiere zusätzlich auch noch vom nach wie vor günstigen Wechselkurs und einer Vielzahl von Rabattangeboten für Touristen. So gesehen kann ich froh sein, meine Kreditkarte verloren zu haben, ansonsten wäre es durchaus eine Herausforderung gewesen, den zahlreichen Verlockungen zu widerstehen. Für ein Paar Schuhe und eine neue Hose reichen die letzten Bargeldreserven schlussendlich doch noch und für das Subway-Ticket nach Downtown Manhattan, wo das Pflichtprogramm meines Kurzbesuches in New York auf mich wartet: Ein Abstecher ins Epizentrum der Finanzkrise von 2008 und der „Occupy-Proteste“ 2011.

Die Rolltreppe, die mich nach einer holprigen und turbulenten U-Bahnfahrt wieder zurück ans Tageslicht befördert, mündet direkt auf dem Vorplatz des „Staten Island Ferry Terminals“ an der Südspitze Manhattans. Während das Horn der Fähre vom Pier herüber schallt, laufe ich durch den angrenzende Battery Park, der gegen die Mittagszeit selbstverständlich gut besucht ist. Die zahlreichen Angestellten der umliegenden Bürotürme verbringen hier ihre wohlverdiente Pause bei Caesar Salad und Coke Zero, bevor es zurück geht vor den Computer und in den Hochgeschwindigkeitszirkus des Financial District. Ich hingegen habe mehr Zeit mitgebracht, beobachte die Passanten und lasse die Blicke über den Hafen schweifen, hinüber zu „Ellis Island“ und der Freiheitsstatue, die unverändert herrschaftlich die Silhouette über dem Hudson River bestimmt . Ob die Amerikaner heutzutage noch derlei Geschenke aus dem „alten Europa“ annehmen würden angesichts von Irak-Krieg-Verweigerung und Finanztransaktionssteuer-Forderungen? Andererseits könnten sich die Franzosen ihrerseits wahrscheinlich auch nicht mehr solch großzügige Geschenke leisten, weder finanziell noch politisch.

Von der beschaulichen Parkbank am Wasser zum hektischen Treiben an der Wallstreet sind es nur wenige hundert Meter. Der untere Broadway ist überfüllt mit Bankern, Fondsmanagern und Touristen, ein Vorankommen ist schwierig und erfordert einiges an Geduld. Der überdimensionierte, bronzene Bulle an der Kopfseite des Bowling Green Parks ist von Sicherheitsgittern und Polizisten umstellt, was die unzähligen Schaulustigen allerdings nicht daran hindert, Schnappschüsse für das Urlaubsalbum zu schießen. Auf der Vorderseite des Gebäudes der New York Stock Exchance, in der Wallstreet Ecke Broad Street, nimmt die Hysterie dann in jeglicher Hinsicht absurde Züge an. NYPD-Polizisten mit stählernen Panzerwagen, skandierende Occupy-Aktivisten mit selbstbemalten Transparenten, schwerbewaffnete SWAT-Einheiten mit Maschinengewehren und sensationshungrige Touristen mit den neuesten Kameraobjektiven kämpfen um die Deutungshoheit auf dem Platz, die Stimmung ist angespannt aber friedlich und trotzdem in gewisser Weise surreal. Dieser Platz war schon immer ein Magnet, das Herz der kapitalistischen Welt, aber seit der Subprime-Krise von 2008 und den darauf folgenden weltweiten Verwerfungen im Finanz- und Wirtschaftsgefüge ist die Anziehungskraft noch kräftiger, noch magischer geworden. Es liegt etwas Geheimnisvolles in der Luft, etwas Überirdisches, die Gewissheit, dass niemand der hier Anwesenden weiß oder erklären kann, was hinter den glänzenden Hochhausfassaden passiert und was für Auswirkungen dieses Handeln auf uns alle hat. Die Demonstranten in dem zwei Blocks entfernten Zucotti Park, der eigentlich ein zubetonierter Platz ist, meinten zumindest verstanden zu haben, dass dieses Handeln schädlich, geradezu absurd ist, bevor sie im Frühjahr diesen Jahres von der Polizei vorerst vertrieben wurden. Die Empörung über die Gebärden der Finanzindustrie ist seitdem keineswegs kleiner geworden, auch wenn die augenscheinliche Normalität dies suggerieren könnte. Es ist nur eine Atempause, die Ruhe vor dem großen Showdown, der früher oder später kommen wird. Die überallhin deutlich sichtbare Präsenz der Polizei, die sogar Wachtürme und Stacheldrahtverhaue rings um den Platz errichtet hat, von den patrollierenden Spezialeinheiten und den aufgefahrenen Panzerwagen ganz zu schweigen, lässt nichts Gutes erahnen. Ein Staat und seine fragwürdige, sogenannte Elite verschanzt sich vor seinen Bürgern. Sieht so die Demokratie im 21. Jahrhundert aus?

Der Nachmittag ist angebrochen und ich begebe mich zurück zur 42. Straße, um pünktlich und mit einem komfortablen Zeitpolster in Richtung Newark zu fahren. Unter keinen Umständen soll nun noch etwas schiefgehen auf den letzten Metern, der überflüssige Ärger in Peru hat fürs Erste gereicht. Ich reihe mich also ein in die Schlange der Wartenden und bin etwas verwundert über die Vielzahl der Menschen, die hier schon stehen, denn der Bus soll eigentlich alle 15 Minuten verkehren. Heute tut er das anscheinend nicht. Nach einer halben Stunde werde ich und alle anderen Fahrgäste darüber informiert, dass gleich mehrere Fahrzeuge liegen geblieben sind und der nächste Bus wohl erst in zwei Stunden eintreffen wird. Das wäre nicht sonderlich ärgerlich, wenn ich nicht schon für das Ticket bezahlt hätte und die alternative Taxifahrt 60 Dollar kosten würde. Ich habe 15 und keinen Cent mehr. Zusammen mit drei weiteren Wartenden besteige ich ein Taxi und bin froh, auf diese Weise eventuell doch noch mit meinem Restbudget auszukommen. Von hier an sollte eigentlich alles Routine sein. Der gut ausgebaute Lincoln-Tunnel führt drei Blocks entfernt hinüber nach New Jersey und mündet auf einem Freeway, der auch zur Rushhour über ausreichende Kapazitäten für die anrollende Blechlawine verfügt.
Der indische Fahrer ist zwar etwas ungehalten darüber, dass er bis hinaus nach Newark fahren soll, auch weil er erst dreimal dort gewesen sei, sein GPS würde aber sicherlich den richtigen Weg finden, inklusive Stauwarnmeldungen. Meine beiden afro-amerikanischen Mitfahrer neben mir auf der Rücksitzbank, ein Diplomat der Vereinten Nationen und eine Managerin aus San Francisco, flachsen noch über die angebliche Tollpatschigkeit des Fahrers und raten ihm lautstark, in jedem Fall den Lincoln-Tunnel zu benutzen, als dieser bereits stur an der Abfahrt zum Tunnel vorbeifährt. Jetzt kochen die Emotionen erst richtig hoch. Der Inder faselt etwas davon, dass der Lincoln-Tunnel aufgrund von Verkehrsstau derzeit nicht passierbar sei und der Holland-Tunnel die weitaus bessere Alternative darstellen würde. Das hätte ihm sein GPS-Gerät geraten. Der Afro-Amerikaner geht daraufhin fast an die Decke und kann von seiner Nachbarin nur schwer beruhigt werden. Er scheint zu ahnen, was für ein Fiasko sich hier gerade anbahnt. Der Holland-Tunnel führt ebenfalls hinüber nach Jersey, allerdings ist er an der Südspitze Manhattans gelegen. Äußerst ungünstig also, wenn man sich wie wir in Midtown befindet und die abendliche Rushhour begonnen hat. Und die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich tatsächlich zu bewahrheiten. Wir benötigen knappe 35 Minuten, um überhaupt erst einmal zum Tunneleingang zu gelangen. Auf der Uferstraße am Hudson River geht es nicht mehr vor und nicht zurück, die Stimmung im Wagen ist auf dem Siedepunkt angelangt und die ursprünglich äußerst großzügig bemessenen zweieinhalb Stunden bis zum Abflug sind auf 70 Minuten zusammen geschmolzen. Mein Puls steigt von Minute zu Minute, die Hitze im Wagen wird unerträglich, die Luft bietet kaum noch Sauerstoff.
Als endlich das helle Licht am Tunnelausgang in Sichtweite kommt, wird aufgeatmet im Fonds des Wagens. Das Gröbste scheint geschafft zu sein, nun ist es nicht mehr weit zum Freeway und zum Terminal. Die an- und abfliegenden Maschinen sind ebenso wie der Kontroll-Tower bereits in der Ferne zu sehen. Doch die Spannung bleibt erhalten, dank des technisch ausgereiften GPS-Gerätes unseres indischen Freundes am Steuer. Das Absurde, fast schon Beängstigende an dieser Technologie ist, dass die menschlichen Nutzer innerhalb kürzester Zeit jegliche Fähigkeiten für eine natürliche Orientierung verloren zu haben scheinen. So schafft es der überforderte Bengale tatsächlich, an einem gigantischen, grünen Schild mit der Aufschrift „Freeway//Newark Airport“ vorbeizufahren, weil sein Navigationssystem noch eine Stadtrundfahrt durch Jersey City eingeplant zu haben scheint. Es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich komme mir vor wie in einem Laborversuch. Fünf Menschen auf engstem Raum, jeder von ihnen bis zum Äußersten angespannt, Adrenalin rauscht durch die Venen, Aggressionen werden frei. Der gleichsam überforderte Beifahrer, ein bleicher, rothaariger Mann mit dem aufgequollenen Gesicht eines Marshmallow, versucht hektisch die schreiend und theatralisch vorgetragenen Anweisungen meines Buddys auf der Rücksitzbank in die Tat umzusetzen und tippt wie wild auf dem Navigationsgerät herum. Zu allem Überfluss sagt der Inder in dieser emotional aufgeladenen Situation diesen einen verhängnisvollen Satz: „I don’t know why but for a couple of days now the system is not really working. I had a lot of problems with the navigation during the last few days.“ Für einige Sekunden ist es augenblicklich still im Wagen. Es ist der Moment in dem ich weiß, dass ich diesen Flug unmöglich noch erreichen kann. Gestrandet in New York, ohne Geld und ohne Flug, aber mit einem defekten GPS-System und einem hirnverbrannten Inder in einem Taxi in Jersey City. Wie konnte das passieren?
Während der Fahrer verzweifelt versucht, zurück auf die Schnellstraße zu gelangen, immer angetrieben von den, mittlerweile muss man es so nennen, Hasstiraden meiner Afro-Amerikanischen Beifahrer, die verständlicherweise jegliche Contenance abgelegt haben, schaue ich verloren aus dem Fenster, den Tränen nah. Ich habe resigniert, als wir endlich das Flughafengelände erreichen, 15 Minuten vor Abflug, was nicht ausreichen wird für die überbordenden Sicherheitskontrollen in der Abflughalle. Zusammen mit Michael, dem Diplomaten, der heute noch nach Genf zum Gala-Dinner fliegen muss, sprinte ich so gut es mit den Knieschmerzen eben geht durch das Terminal-Gebäude. Im Laufen ruft er mir zu, bereits völlig außer Atem, dass er mich mit seinem Diplomanten-Pass durch die Kontrollen bringen will und ich mir bloß nichts anmerken lassen solle. Es klingt absurd, aber es ist meine letzte Chance. Der erste Zöllner winkt uns durch, der zweite will wissen, wer ich bin, der dritte meint, dass es so eigentlich nicht geht. Michael schafft es trotzdem. Wir schmeißen unser Handgepäck, unsere Laptops, unsere Schuhe und alles, wo sonst noch Sprengstoff und Waffen versteckt sein könnten auf das Laufband und schreiten halbnackt durch den Metalldetektor. Das Piepen bleibt aus. Wir raffen unser Gepäck zusammen, es reicht noch für eine Umarmung, ich bedanke mich hastig bei meinem Gönner und hinke zum Gate. Und sitze Minuten später tatsächlich im Flugzeug, Sitz 28B, schweißgebadet und erschöpft. Aber glücklich.
Ein Herzschlagfinale, das an Dramatik nicht zu überbieten war, aber das diese Reise erst recht unvergessen macht. Eine Reise, die mich und uns einmal um die Erde geführt hat und die nun dort enden wird, wo sie begonnen hat. In Hamburg-Fuhlsbüttel.
Gestrandet
Lima, 15./16. April 2012
Es ist Sonntag und es steppt der Bär. Auf dem Foodcourt in der Abflughalle des internationalen Flughafens von Lima herrscht ein wildes Gedränge und der neutrale Beobachter wird das Gefühl nicht los, dass hier nicht nur Fluggäste auf der Durchreise ihren Hunger stillen, sondern auch die ein oder andere Großfamilie aus dem angrenzenden Hafenviertel Callao den freien Tag dazu nutzt, um sich hier bei Subway oder McDonald’s einmal so richtig auszutoben. Während für das leibliche Wohl also in mehr als ausreichender Weise gesorgt ist, sieht es mit der Betreuung von Fluggästen, die ihren Anschlussflug aufgrund unglücklicher Umstände verpasst haben, mehr als schlecht aus. Nicht eine einzige Fluggesellschaft hat ihr Büro heute geöffnet und der freundliche, aber bestimmte Herr im Callcenter von United Airlines kann mir nichts weiter anbieten, als den Verkauf eines komplett neuen Tickets zum vollen Preis. Da ich meine Reiseagentur Travel Nation in London erst wieder am Montag erreichen kann, ist mein spontaner Urlaubstag in Lima also gesichert.

Mit dem Taxi geht es in die Innenstadt zum Plaza de Armas, wo ich mich gegen Mittag mit Felix treffe. Ich kenne ihn aus Lüneburg und er studiert ebenso wie Frederike derzeit für ein halbes Jahr hier in der Stadt. Dieser Umstand ist angesichts der gigantischen Ausmaße von Lima ein echter Glücksfall und eine erhebliche Erleichterung für meine Planungen. Nach einem Spaziergang durch das Zentrum, das trotz gegensätzlicher Befürchtungen noch einiges an alter, prachtvoller Architektur aus der spanischen Kolonialzeit zu bieten hat und seit 1991 zum UNESCO-Welterbe zählt, bekomme ich die geräumige Unterkunft von Felix zu Gesicht, die er zusammen mit einigen anderen Austauschstudenten im Viertel Pueblo Libre bewohnt. Die kurze Kaffeepause ist schnell beendet und wir machen uns auf an die Küste, in den Nobelvorort Miraflores. Der Großraum Lima mit circa 8,6 Millionen Einwohnern verfügt ebenso wie vergleichbare Megacities, die wir besucht haben (La Paz, Bangkok und insbesondere Manila), nur über ein unzureichendes öffentliches Verkehrssystem. Um die weiten Entfernungen zurückzulegen, bleibt einem in der Regel nur das Taxi oder die sogenannten „Micros“, private Kleinbusse, die eine bestimmte Route abfahren und dabei herkömmliche Buslinien mehr oder weniger effizient ersetzen. Fahrpläne oder festgelegte Stationen gibt es nicht, aus- und eingestiegen werden kann praktisch überall, was die Fahrt nicht unbedingt beschleunigt. Trotzdem können wir froh sein, dass wenigstens Sonntag ist und somit die Rushhour halbwegs erträglich ausfällt. Eine knappe Stunde brauchen wir dennoch, bis wir schließlich den Pazifik zu unseren Füßen liegen haben.

Wie der hiesige Küstenabschnitt „Costa Verde“ zu seinem Namen kam, kann allenfalls erahnt werden, von grünen Farbtönen im Wasser oder an der imposanten Steilküste ist auf jeden Fall nicht (mehr?) viel zu sehen. Die Bucht erstreckt sich in einem langgezogenen Halbkreis bis an den Horizont und ist aufgrund der steinernen Strände, der deutlich sichtbaren Verschmutzung und der starken Meeresströmung nicht unbedingt ein Paradies für Badegäste und Sonnenhungrige. Die Surfer kommen allerdings voll auf ihre Kosten. Die starke und gleichmäßige Brandung des Ozeans bietet nahezu jeden Tag beste Bedingungen für die Wellenreiter und zieht Wassersportler aus aller Welt an. Am heutigen Sonntag ist natürlich besonders viel Betrieb und die untergehende, glutrote Sonne taucht das Spektakel auf dem Wasser in bilderbuchhafte Farbtöne. Wir schlendern die Promenade oberhalb der Klippen entlang, schauen Skateboardern und Inlineskatern bei ihren Künsten zu und passieren einen Park im „Gaudi-Stil“, der den verliebten Pärchen der Umgebung einen Platz zum Turteln bietet und uns für kurze Zeit nach Barcelona zu versetzen scheint. Subkultur prallt auf Schickeria, Batik auf Maßanzug, Touristen auf Einheimische und die tosende, weiße Brandung auf die stillen, tiefschwarzen Uferfelsen. Die schön hergerichtete, blitzblanke Promenade mit ihren geschwungenen Wegen und der satten Vegetation steht im krassen Kontrast zu der vierspurigen Schnellstraße unter uns am Fuße der Steilküste und den sterilen Beton- und Glasfassaden neben uns, in denen die Appartements der neuen, bürgerlichen Mittelschicht untergebracht sind.

Miraflores ist nicht repräsentativ für den Rest der Stadt, es ist ordentlicher, sauberer und dem Hörensagen nach auch sicherer als im Rest der Stadt. Aber trotzdem versprüht der Stadtteil am Meer seinen eigenen Charme, hat gar einen kosmopolitischen Flair. Dies wird auch deutlich, als wir auf dem Rückweg durch den „Parque Central de Miraflores“ an einem kleinen Amphitheater vorbei kommen. Das überschaubare Rund bietet gerade einmal Platz für circa 120 Gäste, aber weitaus mehr Passanten sind stehen geblieben in der seichten Abendluft. Eine rüstige Alt-Herren-Band spielt zum Tanz auf, der Kontrabass brummt in den Ohren und zwei Dutzend Pärchen, überwiegend etwas in die Jahre gekommen und kurz vor der Goldenen Hochzeit, schunkeln durch die Manege. Im Publikum sitzt Alt und Jung, Menschen unterschiedlichster Abstammung, und sie alle haben sichtlich Freude an der erfrischend amateurhaften Darbietung, die so rein gar nichts mit professioneller Straßenkunst zu tun hat. Auch wir bleiben einige Minuten stehen, schauen dem munteren Reigen zu und genießen die Lebensfreude, die vom Auditorium, den Musikanten und den Tanzenden im Park auf uns abfärbt. Die Schmerzen im Knie, die Unannehmlichkeiten der vergangenen Tage und die Notwendigkeit, zügig nach Hause zu kommen, sind dabei mittlerweile fast vergessen.
Abschied auf Raten
Cusco, 11. bis 14. April 2012
Ich sitze im grellen Licht der Wartehalle auf dem kleinen Regionalflughafen von Cusco und warte auf den Aufruf zum Boarding. Der Abschied kam plötzlich und unerwartet und doch hat er sich scheinbar endlos lang über vier Tage hinaus hingezogen, bis der Flug schließlich gebucht war. Nach etlichem Zögern und einigen Überlegungen hatte ich mich nach der Rückkehr aus Aguas Calientes dazu entschlossen, aufgrund meiner Knieverletzung zwei Wochen früher als geplant gen Heimat zu fliegen. Der gemeinsame Aufenthalt in Peru, der eigentlich noch einige spannende Orte und Erlebnisse für uns bereithalten sollte, geht somit abrupt zu Ende. Mein Kopf ist dementsprechend vollgestopft mit Gedanken, Erinnerungen, Freude und Enttäuschung, ein undurchdringliches Gewirr, das die Nervenbahnen entlang schwirrt und die Synapsen blockiert. Die schwammig vorgetragene Durchsage der Dame am Schalter nehme ich somit gar nicht richtig wahr, erst die daraufhin beginnende Unruhe reißt mich aus meinen Tagträumen. Es herrscht helle Aufregung, wütendes Gemurmel, hastiges Gedränge. Was ist passiert? Das, was unter keinen Umständen hätte passieren dürfen: Der Flug nach Lima wurde kurzfristig abgesagt, es regnet zu stark. Der Nächste Flug ist erst für morgenfrüh geplant, mein Anschlussflug in Richtung New York heute am späten Abend somit hinfällig, genauso wie der anschließende Weiterflug nach Hamburg. Es hätte nicht besser laufen können. Niedergeschlagen und resigniert schlurfe ich zurück zur Gepäckausgabe, hole mir ein neues Ticket nach Lima und überlege, was nun zu tun ist. Von allen Seiten belagern mich die Taxifahrer, die nur darauf gewartet zu haben scheinen, dass LAN Peru wieder einmal den letzten Flug des Tages absagt und die gestrandeten Touristen zurück in die Stadt müssen. Dementsprechend astronomisch sind die dargebotenen Preise, die dem dreifachen von dem entsprechen, was ich auf der Hinfahrt hierher bezahlt habe. Entnervt gehe ich zum Geldautomaten, um mein bereits aufgebrauchtes Kontingent an Peruanischen Soles wieder aufzufüllen. Ein Taxifahrer ist besonders penetrant und nervt mich derart, dass ich im Affekt meine Kreditkarte im Bankautomaten stecken lasse. Aus Tagtraum wird Alptraum.

Ich habe schließlich doch noch einen Taxifahrer gefunden, der mich für einen vernünftigen Preis zurück ins Zentrum bringt, nachdem ich mich einige hundert Meter zu Fuß vom Flughafen entfernt hatte. Nun stehe ich also wie bereits einige Stunden zuvor vor dem Eingang unseres Hotels und warte auf Einlass. Ein langer, nervenaufreibender Abend steht bevor mit etlichen Telefonaten und der eigentlich fast sicheren Erkenntnis, dass ich aufgrund des Wochenendes zwei Tage außerplanmäßig in Lima bleiben muss. Die Tür öffnet sich und ich werde von einem aufgebrachten spanischen Redeschwall der Empfangsdame begrüßt. Ich verstehe kein Wort und ihre hysterische Gestik und Mimik ändert daran leider wenig. Erst die Dolmetscherdienste von Matthias ermöglichen es mir zu verstehen, dass ich der Unterschlagung von 50 Soles beschuldigt werde, die ich angeblich bei der Abrechnung am Vormittag nicht bezahlt hätte. Das Auschecken sechs Stunden zuvor hatte ganze 20 Minuten gedauert, weil die jetzt so empörte Bedienstete zuerst trotz Taschenrechner heillos damit überfordert war, die Grundschulaufgabe 5x25 richtig zu lösen und im Anschluss auch noch das Wechselgeld aus der Geldbörse der Bar entwendete, da die Kasse an der Rezeption leer war. Wenn bei jedem Gast so abgerechnet wird, ist es daher wenig verwunderlich, dass nun 50 Soles fehlen, sondern schon eher sonderbar, dass nicht noch viel mehr Geld verschwunden ist. Nach einem wüsten Wortgefecht zieht sie von dannen und wir haben endlich unsere Ruhe. Es ist der krönende Abschluss eines denkwürdigen Tages, an dessen Ende nur eines festzustehen scheint: Ein Unglück kommt selten allein.
Disneyland in den Anden
Machu Picchu, 10. April 2012
Es donnert und wummert, unsere Betten, scheinbar das ganze Haus beginnt zu wackeln und bevor wir aufspringen können, ist alles vorbei. In Aguas Calientes, der „Retorten-Stadt“ von Machu Picchu, ist ein Wecker absolut überflüssig. Was sich nach einem morgendlichen Erbeben anhört und durchaus Ausmaße eines solchen annimmt, ist allerdings lediglich der erste Zug des Tages, der die Hundertschaften an Touristen aus Cusco kommend in die famose Bergwelt bringt und dabei unsere kleine Herberge in einem Abstand von gerade einmal fünf Metern passiert. Da es keine Straßenanbindung hierher gibt und sich das bekannteste Heiligtum der Inka einer stark steigenden Beliebtheit erfreut, verkehren die Züge in einem erstaunlich engen Takt mehrmals pro Stunde. Nicht die besten Voraussetzungen für einen geruhsamen Schlaf.

Matthias ist mit dem Großteil der Gruppe bereits vor Sonnenaufgang aufgebrochen, um eben diesen in den alten Gemäuern hoch über dem Tal des Rio Urubamba genießen zu können. Janos, Frederike und ich lassen es betont ruhig angehen und beginnen nach einem kurzen Frühstück mit dem letzten, tatsächlich unwiderruflich letzten steilen Anstieg dieser Wanderung. Entlang der Bahnschienen folgen wir dem Flusslauf Richtung Nordwesten, der Regen prasselt auf die Straße und wir müssen Acht geben, dass wir nicht von den wildgewordenen Busfahrern platt gefahren werden, die den Großteil der Besucher auf bequeme Art und Weise vom Bahnhof direkt hinauf auf den Berg bringen. Obwohl uns die Müdigkeit der vergangenen Tage in den Beinen steckt, hat sich der Körper auf wundersame Weise an die Anstrengungen gewöhnt und wir überholen fast mühelos ein Dutzend Touristen aus allen Herren Ländern, die mit den gefürchteten Treppenstufen der Inka so ihre Probleme haben.

Die gefühlte Idylle nimmt allerdings ein abruptes Ende. Der acht Kilometer lange Pfad mündet auf dem Vorplatz zum Haupteingang und obwohl wir mit dem Schlimmsten gerechnet haben, trifft uns fast der Schlag. Die Lärmkulisse gleicht der auf einem Rummelplatz, zwischen Busterminal und Kassengebäude herrscht ein dichtes Gedränge und das internationale Sprachenwirrwarr, das über unsere Köpfe surrt, wird nur noch von dem lauten Röhren der Busmotoren übertönt, die sich im zweiten Gang die letzten Meter des Anstieges hinauf quälen. Kultur zum Anfassen, Geschichte wie aus dem Bilderbuch, Natur pur? Nein, es ist eine Farce, ein „Lonely Planet-Desaster“ par exellence, das ähnlich absurde Züge annimmt, wie der Hype um Angkor Wat in Kambodscha. Auch wir sind Teil dieses Spiels, Teil des „Big Business“ und reihen uns nun entsprechend sprachlos in die Schlange der Wartenden vor der Einlasskontrolle ein. Es dauert nur wenige Minuten bis wir das Gelände betreten dürfen, Ticket und Reisepass werden kurz gescannt, alles läuft nach Plan und ist hocheffizient organisiert. Anders wäre es wohl auch kaum möglich durchschnittlich 2.500 Menschen in diese Abgeschiedenheit zu verfrachten und ohne große Verzögerung abzufertigen. Obwohl die UNESCO seit Jahren darauf hinweist, dass zum Erhalt des Kulturdenkmals und damit verbunden des Welterbe-Status lediglich 500 Menschen pro Tag in die Ausgrabungsstätte gelassen werden sollten, plant die Regionalregierung von Cusco allen Ernstes eine Seilbahn hinauf nach Machu Picchu, um damit bis zu 10.000 Gästen täglich den Zugang zu ermöglichen, in zwei Schichten, Tag und Nacht. Wie es dann hier oben aussehen mag, wollen wir uns angesichts der bereits heute herrschenden Zustände lieber nicht ausmalen.

Über einen breiten Weg gelangen wir zu den ersten restaurierten Steinhütten, klettern über einige Terrassen treppauf, treppab und kommen auf diese Weise Stück für Stück ins Herz der Anlage. Immer wieder bleiben wir stehen, um die imposanten Blicke zu genießen, die sich uns auf Schritt und Tritt bieten. Mit welcher Präzision und Akribie die Architekten und Baumeister der Inka hier an den steil abfallenden Hängen zu Werke gingen, ist nahezu unglaublich und selbst nach heutigen Maßstäben eine Meisterleistung. Die Trink- und Abwasserversorgung, die terrassenförmigen Anbauflächen für Gemüse und Früchte und auch die Sonnenuhr auf einer kleinen Anhöhe über dem zentralen Platz gelegen, sind überaus gut erhalten und könnten quasi morgen wieder genutzt werden. Natürlich sah es hier nach der vermeintlichen „Wiedereindeckung“ der Zitadelle im Jahre 1911 durch den amerikanischen Yale-Professor Hiram Bingham noch deutlich anders aus, zugewuchert und in vielen Teilen unpassierbar, aber wie schon in Choquequirao wurde nach der allmählichen Freilegung deutlich, dass die Inka scheinbar für die Ewigkeit gebaut haben. Umso deutlicher sollten sich die verantwortlichen peruanischen Behörden überlegen, ob sie den nachhaltigen Erhalt dieses beeindruckenden, einzigartigen Erbes ihrer Vorfahren durch die zügellose Gier nach Profit so fahrlässig aufs Spiel setzen wollen.

Gegen Mittag erreicht die Flut an Besuchern ihren vorläufigen Höhepunkt und wir suchen Zuflucht auf einer Terrasse unterhalb des Wachhauses, um das Treiben aus sicherer Entfernung zu beobachten. Unter uns schieben sich fettleibige Amerikaner, zierliche Asiaten, perfekt ausgerüstete deutsche Rentner-Trupps mit Studiosus-Sonnenschirmen und gelegentlich sogar einige Peruaner die steilen Treppen rauf und runter. Hier ein Foto, dort ein Video, schnell noch das iPhone zücken und möglichst alles in Echtzeit bei Facebook posten. Die zeitnahe „Gefällt mir-Orgie“ und die Anteilnahme aus der fernen, neidvoll drein blickenden Heimat ist garantiert. Reisen im 21. Jahrhundert kann so einfach und spannend sein und mehr Glückshormone freisetzen als der Genuss einer Tafel Schweizer Schokolade. Selbst das Lama, das teilnahmslos neben uns im Gras hockt und gemütlich auf den Grasbüscheln herum kaut, sieht eigentlich ganz zufrieden aus. Fragt sich nur wie lange noch.
Auf den Spuren der Sonnenkoenige, Teil 3
Rund um Choquequirao, 04. bis 09. April 2012
Tag 5:
Mit einem gewissen Neid blicke ich den anderen hinterher, als sie sich nach dem Frühstück aufmachen, das seichte, weite Tal entlang gen Osten zu laufen. Es ist ein herrlicher, nahezu wolkenloser Morgen, die Luft ist kühl und klar, perfekte Bedingungen also, um die längste Etappe der Tour zu bewältigen, die ganz nebenbei auch noch den mit 4.700 Metern höchsten Punkt der Wanderung in petto hat. All das werde ich heute nicht mit meinen eigenen Beinen erlaufen können, sondern vom Rücken eines Maultieres aus genießen müssen. Ich habe mich in mein Schicksal gefügt, die Schmerzen sind keinen Deut besser geworden und alles andere als ein Ritt über den Pass wäre grob fahrlässig. Während ich mir ausmale, wie es sich wohl anfühlen mag auf einem Maultier zu reiten und wie wund mein Hintern am Ende des Tages voraussichtlich sein wird, beobachte ich Roy und seine Frau dabei, wie sie zusammen mit einigen weiteren Dorfbewohnern ein Lastentier nach dem anderen satteln, beladen und zum Aufbruch präparieren. Ein schwarzes „Bonsai-Pferd“ hat das große Los gezogen und bekommt kein Proviantpaket auf den Rücken gezurrt. Stattdessen muss es mit meiner Wenigkeit quasi die doppelte Last schultern, was mir schon auf den ersten Metern beginnt Leid zu tun. Da mein Mitleid dem treuen Vierbeiner auch nicht weiterhilft, besinne ich mich schnell auf die Schönheit um mich herum, denn auch wenn ich es nicht für möglich gehalten habe, stellt die hochalpine, vegetationslose Landschaft in diesen Höhen das bereits gesehene fast noch in den Schatten. Das flach ansteigende Tal wird links und rechts von hohen Felswänden begrenzt, über deren Abbruchkanten tosende Wasserfälle hunderte Meter hinab in die Tiefe stürzen. In der Ferne sind schon die weißen Kuppen der Fünftausender zu sehen und die kristallblauen Gletscher an ihren Hängen glitzern im Sonnenlicht. Unterhalb des Weges grasen Kühe und Pferde auf den sattgrünen, mit Blumen übersäten Wiesen entlang des Flusses und mit dieser Szenerie vor Augen fühle ich mich wie in den Garten Eden versetzt. Es dauert eine ganze Weile bis ich zusammen mit meiner „Kavallerie-Einheit“ den Vorsprung der Anderen egalisiert habe, aber am späten Vormittag ist es schließlich soweit. Pünktlich bevor der Schlussanstieg zur Passhöhe beginnt, galoppiere ich an meinen mit der Steigung und der dünnen Luft kämpfenden Gefährten vorbei, blicke in ihre müden Gesichter und bin nun doch ein wenig froh, ein Maultier zu haben.

Oben angekommen ist die vergleichsweise bequeme Fortbewegungsvariante allerdings auch für mich vorläufig vorbei. Den Weg bergab muss ich aus Sicherheitsgründen alleine bewältigen und so mach ich mich auf, mit gebotener Vorsicht den Hang hinunter zu stiefeln. Es fühlt sich gut an, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und da der Großteil der Gruppe noch auf der anderen Seite des Berges mit den Tücken des Aufstiegs zu kämpfen hat, kann ich in aller Ruhe und ohne zu hetzen gen Tal stolpern. Den Rastplatz, auf dem das Mittagessen zubereitet wird, erreiche ich auf diese Weise sogar als einer der ersten. Wer hätte das gedacht.

Die verbleibenden zwölf Kilometern halten keine großen Überraschungen mehr für uns bereit. Wir tasten uns langsam zurück in Richtung Zivilisation, der schmale Schotterweg mündet in einer breiten Sandpiste, die uns durch einige kleinere Ortschaften führt und sich ohne größeres Gefälle durch das Tal schlängelt. Um die Gruppe nicht unnötig aufzuhalten und mein Knie nach dem Abstieg in Eigenregie weiter zu schonen, werde ich noch einmal zum Reiten verdonnert, was die befürchteten Scheuer- und Druckstellen im Gesäß dann doch noch Wirklichkeit werden lässt. Wenigstens lenkt der neue Schmerzschwerpunkt von den Problemen im Knie ab, die Freude darüber ist aber eher dezent. Auch meinen Mitstreiter sind die Strapazen des Tages deutlich anzumerken und nachdem beim Abendessen noch einmal die wunderbaren Eindrücke der letzten Stunden ausgetauscht wurden, ist für alle die Abendplanung quasi wie von selbst besiegelt. Es geht nur noch in die Zelte und direkt weiter ins Reich der Träume.
Tag 6:
Eigentlich sollte heute Schluss sein. Schluss mit Wandern, Schluss mit Schmerzen, Schluss mit frühem Aufstehen. Unsere Tour sollte gemütlich ausklingen, in Bus und Bahn und schließlich im Restaurant, bevor morgen ohnehin der langerwartete Schlussanstieg nach Machu Picchu auf dem Programm gestanden hätte. Nun habe ich schon des Öfteren die gelegentlichen Erdrutsche erwähnt, die so manche Straße und so manchen Pfad in dieser Gegend nahezu unpassierbar gemacht haben. Und wie wir uns unter diesen Umständen schon fast hätten denken können, ist auch die Straße nach Santa Teresa gleich an fünf Stellen von Geröllmassen blockiert worden. Schluss ist also erst mal nur mit der Vorfreude auf einen geruhsamen Tag.

Die ersten 15 Kilometer knüpfen dort an, wo wir gestern aufgehört haben. Die Straße ist breit, flach, fast schon unspektakulär, um nicht zu sagen langweilig und sie zieht sich hin wie zäher Kaugummi. Das Wetter ist trist und grau, ab und an tröpfelt es ein wenig und ein jeder von uns schwelgt wohl in Erinnerungen an die Erlebnisse der letzten Tage. Da ich eine weitere Reitstunde weder psychisch noch physisch ertragen hätte, bin ich notgedrungen wieder unter die Wanderer gegangen, was durch ein ausgiebiges Schmerzmittel-Frühstück eigentlich erst möglich wurde. Die Medikamente halten was sie versprechen, ich spüre wirklich nichts mehr, der Körper funktioniert roboterhaft und die Glückshormone, die sich anscheinend bedingt durch den pharmazeutischen Eingriff im Blutkreislauf ausgebreitet haben, verhelfen mir zu einem maskenhaften Grinsen und zu penetrant guter Stimmung. Dieser emotional aufgeladene Zustand wird weiter befeuert, als wir früher als geplant an dem vorläufigen Schlusspunkt unserer Wanderung ankommen und erstmals seit über einer Woche (unfassbar!) wieder ein kühles Bier gekauft werden kann. Die grüne Wiese, die entspannte Atmosphäre und die in der Zwischenzeit zum Vorschein gekommene Sonne ermöglichen es uns sogar, die klammen Schlafsäcke und Klamotten zu trocknen und die Beine baumeln zu lassen. Nach dem Mittagessen geht es doch noch weiter im Kleinbus in Richtung Santa Teresa, allerdings auf peruanische Weise. Der klapprige Toyota ist immerhin für 16 Personen ausgelegt, was überaus beachtlich und nicht selbstverständlich ist. Im Endeffekt fahren 21 Personen mit und wir schließen Wetten ab, ob zuerst die Achse bricht oder einer der abgefahrenen Reifen platzt. Die legere südamerikanische Praxis, die nur schwer mit deutschen Gewohn- und Gepflogenheiten vereinbar ist, belehrt uns letztendlich wieder einmal eines Besseren. Wir kommen wohlbehalten in Santa Teresa an und da der bereit stehende Zug des Bahn-Monopolisten „Peru Rail“ auf einer Strecke von sieben Kilometer 18 US-Dollar kosten soll, werden zu guter Letzt auch die verbliebenen zehn Kilometer nach Aguas Calientes zu Fuß bewältigt. Das Tal des Rio Urubamba schlängelt sich durch eine enge Schlucht und über uns an den im Nebel hängenden Klippen der umliegenden Berge können wir bereits einige steinerne Terrassen der Tempelfestung Machu Picchu erahnen. Es beginnt zu regnen und meine Schmerzmitteltherapie gerät ebenso wie unser aller Fitness langsam an den Rand ihres Wirkungsgrades. Es wird daher aus Sicht aller Beteiligten höchste Zeit, ein trockenes Hotelzimmer zu beziehen. Als es tatsächlich soweit ist, wissen wir nicht, was zuerst passieren soll. Duschen, schlafen, essen, trinken? Am besten alles auf einmal. Denn jetzt ist wirklich Schluss. Schluss, aus, Feierabend!
Auf den Spuren der Sonnenkoenige, Teil 2
Rund um Choquequirao, 04. bis 09. April 2012
Tag 3:
Die Annahme, dass Abstiege weitaus weniger anstrengend sind als Aufstiege und der Weg bergab förmlich ein Spaziergang ist, gehört, wie jeder erfahrende Wanderer weiß, ins Reich der Fabeln. Obwohl wir uns dessen bewusst sind, ist die Stimmung überraschend gut, als wir wiederum vor dem Einsetzen der Morgendämmerung in den dritten Tag starten. Nachdem wir uns den Sonnenaufgang über den ehrwürdigen Gemäuern von Choquequirao angeschaut haben und der Himmel wie von Zauberhand einen hellblauen Farbton angenommen hat, geht es zügig an der westlichen Flanke des heiligen Gipfels entlang, um auf der Nordseite den langen Abstieg zu beginnen. Die Vegetation ist durch die intensive Sonneneinstrahlung (auf der Südhalbkugel steht die Sonne mittags im Norden) gänzlich anders als auf dem gestern erstiegenen Südhang. Statt Regenwald und Schlammschlacht erwarten uns hüfthohe Wiesen, ein Meer aus Blumen und jede Menge Steine und Geröll. Besonders das Letztere ist für die dünnen Sohlen unserer Sportschuhe und vor allem für die darüber laufenden Füße nicht optimal und die Blasen sind schon nach der Hälfte des Weges kaum noch hinreichend zu verarzten, weil es schlichtweg zu viele sind. Die Bewegungen werden zusehends unrund, es fällt immer schwerer, an Stellen aufzutreten, die noch nicht schmerzen und der Gang gleicht eher einem Eiertanz. Zudem hat die Sonne mittlerweile ihren Platz am Zenit eingenommen und sorgt für mehr als nur einen gesunden Teint bei uns. Wir können es daher nicht abwarten, den Fluss im Tal zu erreichen und die versprochene Abkühlung im eiskalten Gletscherwasser zu genießen. Bis es so weit ist, muss allerdings noch einige Kilometer weiter gehumpelt werden.

Die Mittagspause und das wie immer fantastische Essen kann kaum angemessen gewürdigt werden, denn der Ausblick auf den bevorstehenden Aufstieg, wiederrum rund 1.500 Meter, verhindert die eigentlich angebrachte Freude über das bereits erreichte. Schon nach knapp 20 Minuten brechen die ersten von uns pflichtbewusst auf, in der Sorge, es ansonsten überhaupt nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit bis zum Zeltplatz zu schaffen. Anders als beim vorangegangenen Abstieg ist nun wieder jeder auf sich allein gestellt, das Rauschen des Flusses wird beim Verlassen des Tales zunehmend leiser, der Blick schweift über den gegenüberliegenden Hang, auf dessen Pfaden wir uns vormittags die Füße wund gelaufen haben und die Stille wird nur noch vom gleichmäßigen, rhythmischen Schnaufen und Atmen durchbrochen. Vom unnötigen Pausieren ist nicht nur aufgrund des Zeitdrucks abzuraten, sondern auch deswegen, weil bei jedem noch so kurzen Stillhalten eine Heerschar an Mosquitos zum Generalangriff bläst und die Haut derart zersticht, dass der Juckreiz sogar den Schmerz in den Hintergrund treten lässt. Trotzdem sind die Beschwerden mit Knien und Beinmuskulatur die weitaus größten Probleme, die erst nachlassen, als wir völlig erschöpft auf der zur Übernachtung vorgesehenen Anhöhe ankommen. Wie die Wanderung angesichts dieser Umstände am nächsten Tag weitergehen soll, kann zu diesem Zeitpunkt niemand so recht beantworten.
Tag 4:
Schmerzen sind hartnäckig. Die Nacht, die eigentlich eine Linderung bewirken sollte, hat die Beweglichkeit des Körpers nur noch weiter eingeschränkt. Die Kälte, die viel zu dünnen Matratzen und Schlafsäcke und das wiederholt frühe Aufstehen haben die letzte Kraft aus den Extremitäten gesogen. Geblieben ist allenfalls der, wenn auch äußerst schwache, Wille, den kommenden vierten Tag irgendwie zu überstehen, koste es, was es wolle. Während Frederike über offene Wunden an den Füßen klagt und eine Dichte an Mückenstichen an allen erdenklichen Körperstellen aufweist, die seines gleichen sucht, ist für Matthias der Rucksack zum Hauptproblem geworden. Nach dem zwangsläufig notwendigen Umladen einiger Kilos auf die Rücken der tapferen Maultiere ist er nun ebenso wie Janos und die bestens vorbereitete Kanadierin Lauren vergleichsweise gut aufgestellt, wobei ich mir beim gestrigen Schlussanstieg anscheinend einen Schaden im Außenmeniskus zugezogen habe, der das rechte Kniegelenk nun auf äußerst schmerzhafte Art und Weise zusehends unbrauchbar macht. Alles Klagen hilft nicht, es geht weiter, weiter bergauf, weiter in Richtung Machu Picchu, dem Ziel unserer Reise.

Die ganze Nacht über hat es gegossen wie aus Eimern. Der Weg hinauf zum Pass auf 4.200 Metern ist in einem erbärmlichen Zustand, zerfurcht von den Hufen der Maultiere und Pferde und in weiten Teilen unter Wasser. Ein zügiges Vorankommen ist unmöglich, das Wandern wird zur Geschicklichkeitsprüfung und wir springen von Stein zu Stein, um wenigstens noch eine Zeit lang über halbwegs trockene Füße zu verfügen. Mit zunehmender Höhe wird auch die Vegetation karger und damit die Sonneneinstrahlung stärker. Der Pfad nimmt wieder gefestigte, trockene Formen an und geht auf den letzten Kilometern sogar in einen beinahe gepflasterten Zustand über. Schon die Inkas nutzten diese Passage, die Choquequirao mit den weiter nördlich gelegenen Tälern verband und das Werk der indigenen Baumeister hat das ständige Einwirken der gewaltigen natürlichen Kräfte bis heute in Teilen unbeschadet überstanden. Gegen Mittag erreichen wir den schmalen Grat, auf dessen Rückseite weitere atemberaubende Berggipfel und Flusstäler zu erblicken sind, ebenso wie in der Richtung, aus der wir kommen. Es dauert eine ganze Weile, bis alle Gruppenmitglieder eingetroffen sind und Mauro, unser Koch, eine kleine Zwischenmahlzeit servieren kann. Im Anschluss beginnt ohne lange Verzögerungen der Abstieg. Obwohl der Weg bergab keine besonderen Herausforderungen bereithält und prädestiniert dafür wäre, das Bergpanorama ringsherum in vollen Zügen zu genießen, lassen meine Knieschmerzen kaum noch eine Beugebewegung des rechten Beines zu. Mit letzter Kraft und der Hilfe von Urbano erreiche ich schließlich das Zeltlager und muss mich damit abfinden, die bevorstehenden 25 Kilometer des Folgetages auf dem Rücken eines Maultieres zu verbringen. Abgesehen von den Schmerzen ist das die Höchststrafe und mein persönlicher Tiefpunkt auf dieser ansonsten so traumhaften Exkursion.

Fortsetzung folgt…
Auf den Spuren der Sonnenkoenige, Teil 1
Rund um Choquequirao, 04. bis 09. April 2012
Tag 1:
Morgenstund hat Gold im Mund, wir sitzen im Kleinbus auf dem Weg nach Cachora, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung und haben uns damit abgefunden, dass Janos es nicht rechtzeitig nach Cusco geschafft hat. Wahrscheinlich befindet er sich gerade irgendwo zwischen Quito, Bogota, Lima und der peruanischen Hochebene, entweder in der Luft im Flugzeug oder am Boden in einem der zahlreichen Terminalgebäude. Ihm steht damit ein 30 Kilometer langer Gewaltmarsch am nächsten Tag bevor, um unseren Vorsprung überhaupt erst einmal einzuholen. Die Nacht war kurz, die Magenkrämpfe sind abgeflaut und wir haben uns noch nicht ganz entschieden, mit was für Gefühlen und Erwartungen wir nun eigentlich in die Bergwelt aufbrechen. Unser Guide Urbano, den wir bereits am Vortag beim Meeting kennen gelernt haben und der ein äußerst fröhliches Gemüt hat, ist deutlich besser aus dem Bett gekommen als wir und ist nun damit beschäftigt, per Handy die geplante Aufholjagd von Janos so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir befinden uns schon am Stadtrand als es plötzlich vom Beifahrersitz tönt: „He is in the city! He arrived at 6.30 and is standing in front of the office now! Wow, what a tuff guy.” Gemeint ist natürlich Janos und die Überraschung ist in der Tat überaus gelungen. Nach einer 24 stündigen Odyssee durch den halben Luftraum von Südamerika hat er es tatsächlich pünktlich, oder zumindest halbwegs pünktlich nach Cusco geschafft. Unser Fahrer legt eine kurze Pause ein, wir versorgen uns notdürftig mit Keksen und Getränken und nach einigem Warten steigt Janos wie angekündigt aus dem Taxi aus. Wir sind vollzählig.

Schon die knapp vierstündige Fahrt nach Cachora offenbart uns eine grandiose Landschaft mit nicht minder grandiosen aber auch beängstigenden Auf- und Abstiegen. Ob unsere körperliche Fitness für solche Strapazen ausreichen wird, bezweifeln wir in diesen Momenten ernsthaft, aber wir haben es uns selbst ausgesucht und ein „Zurück auf Los“ gibt es nun nicht mehr. In mitten eines weiten Tales endet unsere motorisierte Anfahrt, Ausrüstung und Proviant werden abgeladen und wir begrüßen unseren „Horseman“ Roy, der die kleine Maultier-Karawane in den kommenden Tagen für uns über die steilen Pfade führen wird. Obwohl somit also der Großteil des Gepäcks „outgesourced“ wird, bekommen wir schon auf den ersten Kilometern zu spüren, dass zehn bis zwölf Kilo in dieser Höhe und auf diesen Wegen nicht unbedingt optimal sind. Trotzdem kann die erste Etappe als gemütliche Eingewöhnung angesehen werden, es geht kaum bergauf, das Wetter spielt mit und nach dem langen Sitzen im Auto bedanken sich die Muskeln förmlich für den Ausgang. Kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit erreichen wir unseren Campingplatz, auf einem Felsvorsprung über dem Flusslauf des Rio Apurimac gelegen und genießen ehrfürchtig den Anblick des gegenüberliegenden Hanges, den wir morgen bezwingen müssen. Dann ist es definitiv vorbei mit der Eingewöhnung.
Tag 2:
Es ist noch stockfinster, als Urbano von draußen an unser Zelt schlägt, um uns zu signalisieren, dass die kurze Nachtruhe schon wieder vorbei ist. Die Hitze der erbarmungslosen Mittagssonne soll während unseres Aufstieges hinauf zur Inka-Festung Choquequirao nach Möglichkeit vermieden werden und so brechen wir heute bereits um fünf Uhr in der Früh zum zweiten Tagesabschnitt auf. Die Wolken hängen tief im Tal des Rio Apurimac, dessen Flusslauf man nur durch das donnernde Rauschen des Wassers erahnen kann. Die ersten Kilometer führen entlang senkrecht aufragender Felswände steil hinab ins Tal und schon kurz nach dem Frühstück werden somit Knie und Schuhwerk auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Die im Dunst der Gischt aufragenden Pfeiler der Hängebrücke geben in der Morgendämmerung ein spektakuläres Bild ab und die schmalen, hier und da löchrigen Holzplanken ermöglichen uns eine wackelige aber letztlich sichere Passage über die reißenden Fluten. Auf der anderen Seite angekommen, beginnt für uns nun das langangekündigte und seit Tagen gefürchtete Martyrium. 1.500 Höhenmeter sind bis zum Mittag zu bewältigen, eine stattliche Herausforderung. Schon auf den ersten Metern schwant mir nichts Gutes, angesichts des steinigen Pfades, der sich in engen Kurven den Berg hoch windet. Unser kleiner Trupp wird schnell in die Länge gezogen, jeder konzentriert sich auf sein eigenes Tempo und ist nach kurzer Zeit auf sich allein gestellt. Der Blick für das grandiose Panorama geht fast im endlosen Schweißstrom unter, selbst bei den zwangsläufig immer öfter anfallenden Pausen müssen wir uns bewusst auf den Ausblick konzentrieren, um der fesselnden Anstrengung wenigstens für einen kurzen Moment zu entfliehen.

Nach zwei Stunden erreichen wir völlig erschöpft eine kleine Hütte, die auf einer Lichtung am Rande des Weges zur Rast einlädt. Der zurückhaltende Indio, der uns mit Keksen und Inka-Kola versorgt, lebt hier seit er denken kann und freut sich über den zunehmenden Besuch von Menschen aus allen Herren Ländern, die den beschwerlichen Weg nach Choquequirao auf sich nehmen. Um unsere müden Glieder wieder fit für die zweite Halbzeit zu machen, bietet er uns eine ganz besondere Spezialität an, die Matthias und ich allerdings schon zur Genüge aus dem fernen Asien kennen. Der Kobra-Schnaps ist keine rein laotische Spirituosen-Delikatesse, sondern fördert auch in Peru die Durchblutung der abgekämpften Wandersleut. Da der Rest unser Wegbegleiter den guten Tropfen mit einiger Skepsis beäugt, nehme ich mir kurzer Hand ein Herz und bestelle eine Runde Zaubertrank für alle. Das Elixier führt kurzzeitig zu einer Entkrampfung der Gesichtszüge und einer wohligen Wärme in der Kehle und setzt zumindest psychisch einiges an nicht für möglich gehaltenden Kräften frei. Doch der Placebo-Effekt verliert leider allzu schnell seine Wirkung und schon nach wenigen Spitzkehren haben die Schmerzen und die Verausgabung wieder die Oberhand gewonnen. Es fängt an zu regnen, die Wolken hängen tief im dichten Geäst der Bäume und der Pfad verkommt zu einem Rinnsal aus Schlamm und Wasser, was es fast unmöglich macht, trockene Füße zu bewahren. Der dickflüssige, knöcheltiefe Matsch läuft von oben in meine unzureichend präparierten Sportschuhe hinein und einzig das Regencape bietet adäquaten Schutz gegen die widrigen Wetterumstände.

Gegen Mittag erreichen wir ein kleines Dorf auf den Ausläufern des Hochplateaus gelegen. Von hier aus kann es den Aussagen von Urbano nach eigentlich nicht mehr weit sein, doch dieser Eindruck täuscht. Der letzte Abschnitt zu unserem Zeltplatz zieht sich zäh in die Länge. Der Weg ist in der gerade zu Ende gehenden Regenzeit durch Erdrutsche stark in Mitleidenschaft gezogen worden und immer wenn wir es über eine Geröllhalde hinüber geschafft haben, wartet der nächste schwer passierbare Abhang auf uns. Hinter jeder Biegung erhoffen wir uns inzwischen die lang ersehnte Lichtung mit den grasenden Maultieren und den aufgeschlagenen Zelten, aber stattdessen kommt nur die nächste Kehre in Sicht. Jede weitere Minute wird gefühlt zur Stunde und als dann tatsächlich die erste Mauer der verwunschenen Inka-Stadt aus dem Dickicht zum Vorschein kommt, ist die Freude grenzenlos. Obwohl erst ein Bruchteil der Siedlung freigelegt ist, bietet sich uns ein imposantes Bild. Der Name „Choquequirao“ entstammt der Quechua-Sprache und heißt so viel wie „Wiege des Goldes“. Die Festung auf 3.085 Metern Höhe war eine der letzten Bastionen der Inka nach dem Fall ihrer Hauptstadt Cusco an die Spanier. Die Archäologen sind sich bis heute nicht einig, ob die iberischen Eroberer überhaupt jemals an diesem Ort waren oder ob die Ansiedlung nach dem Zusammenbruch des Reiches von ihren Bewohnern schlichtweg aufgeben wurde. Fakt ist, dass Choquequirao ebenso wie Machu Picchu über Jahrhunderte in Vergessenheit geriet und erst Anfang des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt wurde. Anders als bei der berühmten Schwesterstadt etwas weiter nördlich ist in Choquequirao die Spurensuche allerdings gerade erst im Anfangsstadium. In einigen Jahren, so wird vermutet, werden sich die restaurierten Anlagen über eine Fläche der vielfachen Größe der heutigen Ausgrabungsstätte erstrecken und würden die weltbekannte Kultstätte Machu Picchu damit in den Schatten stellen. Eine archäologische Sensation.

Wir sind die einzigen Menschen weit und breit, es ist aufgeklart und vom Zeremonienplatz aus, etwas oberhalb des ehemaligen Stadtzentrums auf einem Bergkamm gelegen, blicken wir tief ins Tal des Rio Apurimac hinab. Die wilden und ständig wechselnden Wolkenformationen, die goldene Silhouette der Sonne am Himmel und der farbenprächtige Regenbogen über dem südlich gelegenen Tal lassen uns versinken in der Magie des Augenblickes, in einem Fest der Sinne. Was haben wir gejammert und gestöhnt auf dem Weg hierher, wie oft wollten wir aufgeben, was haben wir geflucht. Und wie hat es sich gelohnt!
Fortsetzung folgt…
Abkuerzung ueber Bogota
Cusco, 02./03. April 2012
Der Regen prasselt auf das Autodach, unser Fahrer versucht mit wildem Wischen die beschlagene Frontschreibe notdürftig durchsichtig zu halten und die Lichter der Straßenlaternen und Geschäfte ziehen verschwommen in der abendlichen Dämmerung am Fenster vorbei. Es sind nur noch zwei Tage bis zum Start unserer Wandertour und die Wetterbedingungen könnten schlechter kaum sein. Die Fahrt von Bolivien nach Cusco wurde nicht nur aufgrund zweier Buswechsel unnötig in die Länge gezogen, sondern verzögerte sich wegen einer Straßenblockade, hervorgerufen durch einen Erdrutsch, zusätzlich um eine weitere Stunde. Der Taxifahrer, der uns nun vom Busbahnhof hinauf bringt zu einem kleinen Hotel am Berghang über dem Stadtzentrum, bescheißt uns zuerst hemmungslos beim Fahrpreis und anschließend auch noch bei der Herausgabe des Wechselgeldes. Beides merken wir natürlich erst, als es zu spät ist. Bienvenido a Peru! Der Tag ist also in jeglicher Hinsicht gelaufen und daher beschließen wir, den Abend entsprechend stilvoll ausklingen zu lassen. Wir begeben uns in die örtliche McDonald’s Filiale, bestellen plump drauf los und genießen kurze Zeit später das fettige Essen und den an Künstlichkeit nicht zu überbietenden Geschmack der neongelben Inka-Kola. Eine kulinarische Bankrotterklärung unsererseits, die nichts desto trotz eine gewisse Zufriedenheit in uns aufsteigen lässt und die etwas verkorkste Ankunft gekonnt abrundet. Gelebte Primitivität kann herrlich sein, besonders wenn man schlecht gelaunt ist.

Der folgende Tag verspricht Besserung in jeglicher Hinsicht. Die Sonne ist zum Vorschein gekommen, das kostenlose Frühstück ist spartanisch aber schmackhaft und die im Lichte des Tages wie verwandelt wirkende Altstadt von Cusco lädt zu einem Spaziergang ein. Einzig eine leichte Magenverstimmung lässt zumindest meine Stimmung vorerst in geordneten Bahnen verweilen. Während wir durch die Gassen schlendern, prunkvolle Kirchen, weitläufige Plätze und alte Inka-Mauern bewundern, auf Bänken und vor Brunnen verweilen, müht sich der Rest unserer Wandergruppe, Frederike, derzeit in Lima wohnhaft und Janos, aus Quito kommend, mit den Tücken des peruanischen Luftverkehrs ab. Frederike schafft es nahezu pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt und flucht lediglich über die ungewohnte Höhenluft, die so ganz anders beschaffen ist, als in der maritimen Umgebung von Lima. Janos hingegen hat das große Los gezogen und darf sich über einen abgesagten Flug freuen. Der peruanische Ableger der chilenischen Fluggesellschaft LAN ist Spezialist im kurzfristigen Annullieren von Flügen, eine Erfahrung, die auch ich noch werde teilen können. Die verspätete Ankunft von Janos sorgt somit erst einmal für chaotische Planungszustände, insbesondere während unserer Vorbesprechung im Büro der Trekking-Agentur am frühen Abend. Denn unsere Abfahrt in Richtung Wildnis war ursprünglich für die frühen Morgenstunden des kommenden Tages geplant, ein Zeitpunkt, der für die Piloten von LAN Peru deutlich zu früh angesetzt ist. Es beginnt ein hektisches Telefonieren, alle Optionen werden durchgespielt, Janos ist mittlerweile in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens, wir haben unser Bargeld vergessen, um den Trip zu bezahlen und David hat inzwischen ebenso wie ich Schüttelfrost und Magenkrämpfe, was das Ganze nicht eben angenehmer gestaltet. Der letzte gemeinsame Abend, bevor er seinen Rückweg nach Argentinien antritt, fällt dementsprechend etwas improvisierter aus als gedacht, zumal wir noch nicht einmal gepackt haben und vorher erst einmal die Apotheke besuchen müssen. Die Nacht bricht herein, wir begeben uns in unsere Betten und schlafen in gespannter Erwartung, was der nächste Tag für uns bereit halten mag, schließlich ein. Ein Hoch auf die Improvisation.

Zwischen Himmel und Erde
Copacabana, 31. März bis 01. April 2012
Die Ähnlichkeit zum Original an der Atlantikküste ist frappierend und die Landschaft, geprägt vom Kontrast zwischen Wasser und Bergen, ist nicht minder spektakulär als die weltbekannte Bucht in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro. Die zuckerhutähnliche Erhebung des „Cerro Calvario“ am östlichen Ende des sichelförmigen Strandabschnittes, die statt einer überdimensionierten Jesus-Statue einen Friedhof und eine Pilgerstätte beherbergt, thront erhaben über den roten Ziegeldächern des kleinen Ortes und den seichten Wellen des Titicaca-Sees. Man könnte meinen, der Name „Copacabana“ sei angesichts all dieser Parallelen tatsächlich bewusst so gewählt geworden und als Hommage an den berühmtesten Stadtteil Rios zu verstehen. In Wahrheit ist es wohl aber genau umgekehrt. Die Ursprünge des Wortes sind allem Anschein nach in der Anden-Sprache Aymara zu finden und bedeuten entweder so viel wie „Sicht auf den See“ oder entsprechen dem Namen der Gottheit „Kotakawana“, die im Titicaca-See leben und für die Fruchtbarkeit zuständig sein soll. Copacabana wurde nach der Eroberung durch die Spanier vom einstmaligen Inka-Heiligtum schnell zum bedeutendsten christlichen Wallfahrtsort Boliviens umfunktioniert und die in der örtlichen Basilika ausgestellte Marienfigur mit einer Krone aus purem Gold ist in ganz Südamerika bekannt. Der Stadtteil Copacabana in Rio de Janeiro soll seinen Namen daher angeblich aufgrund von eingeführten Marienstatuen aus Copacabana in Bolivien erhalten haben. Komplizierte Angelegenheit.

Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass selbst an den entlegensten Winkeln der Tourismus gedeiht und ansehnliche Unterkünfte zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen. Diesmal kehren wir durch Zufall sogar bei Martin, einem Deutschen, ein, der seit 18 Jahren in Bolivien lebt und in dieser Zeit nach und nach seinen Traum von einem eigenen Hotel verwirklicht hat. Mittlerweile erstrecken sich die Häuser und Unterkünfte, die alle in einem individuellen Stil gehalten sind, über fast den halben Berghang, der in malerischer Weise über der Strandpromenade und der angrenzenden Bucht liegt. Die stetigen Bauarbeiten sind nach wie vor nicht abgeschlossen und man darf gespannt sein, wie dieses Traumdomizil aussehen wird, wenn wir hoffentlich in ein paar Jahren an diesen Ort zurückkehren werden. Schön ist es natürlich jetzt schon hier und die kühle, klare Luft hat im Gegensatz zu den Smog-Schwaden in La Paz durchaus Kurort-Charakter.

Beim abendlichen Pilgergang hinauf zur Grabstätte auf der Kuppe des „Cerro Calvario“ in 3.900 Metern Höhe entpuppt sich diese herrlich frische Bergluft allerdings wieder als ausgesprochen sauerstoffarm. Um den grandiosen Blick auf den Sonnenuntergang über dem See genießen zu können, müssen wir und insbesondere unsere Lungen erst einmal in Vorleistung treten, bevor wir in Form von fantastischen Farben und Sinneseindrücken für unsere Anstrengungen belohnt werden. Unter uns in der Stadt finden zeitgleich einige kleinere Prozessionen anlässlich des bevorstehenden Palmensonntages statt und ringsum die weiße Basilika im maurischen Stil tummeln sich die Gläubigen, um zu musizieren, zu feiern und zu beten. Das rhythmische Trommeln, das aus den Gassen zu uns herauf schallt, untermalt die ohnehin einmalige Szenerie mit einem mythischen Touch. Unsere Blicke schweifen über das spiegelglatte Wasser hinüber zur Isla del Sol, die in der Dämmerung ihre ganze Magie offenbart. Hier erschuf der geheimnisvolle Sonnengott Inti der Legende nach den ersten Inka-König Manco Cápac und begründete damit das glorreiche Königreich in den Anden. Und auch die Spanier, die die Sonnenkönige drei Jahrhunderte später brutal unterwarfen, ließen sich von dieser geheimnisvollen Schönheit in ihren Bann ziehen und machten Copacabana zum Wallfahrtsort. Verständlich, denn wo könnten Himmel und Erde fließender ineinander übergehen, als hier. Über den Gewässern des Titicaca-Sees, auf dem Gipfel des „Cerro Calvario“.

Von Hauptstadt zu Hauptstadt
Sucre/La Paz, 28. bis 30. März 2012
Unser Aufenthalt in der bolivianischen Hauptstadt Sucre kann durchaus als „Blitzbesuch“ bezeichnet werden und in bester „Diplomatenmanier“ halten wir uns an diesem Mittwoch tatsächlich nur wenige Stunden im administrativen und religiösen Zentrum der Südregion auf, bevor wir in einer weiteren kräftezehrenden Nachtfahrt im Bus weiter nach La Paz fahren. Der kleine Abstecher nach Westen war ebenso wie der Besuch in Potosi eher spontaner Natur, aber was wir nun nach unserer Ankunft im Stadtzentrum geboten bekommen, lässt das stundenlange, zusätzliche Sitzen auf den durchgesessenen Polsterstühlen im Wagen auf dem Weg hierher schnell in den Hintergrund treten. Die von den Spaniern im gewohnten „Schachbrettmuster“ angelegten Straßenzüge werden von prachtvoll verzierten, schneeweißen Hausfassaden gesäumt, viele kleine Grünanlagen im Quartier laden ebenso wie der zentrale „Plaza de Armas“ zum Verweilen ein und selbst das Wetter könnte angenehmer nicht sein. Unsere leeren Mägen führen uns auf Anraten des Taxisfahrers zu allererst in die riesige Markthalle, in der es, wie überall in Südamerika üblich, nicht nur die besten und frischesten Zutaten gibt, sondern auch eine Vielzahl von kleineren Garküchen im Obergeschoss, die aus den Erzeugnissen der Region täglich verschiedene Gerichte zaubern. Insbesondere die kräftigen bolivianischen Suppen sind hier ein Genuss, aber auch die spanischen Einflüsse in Form von Chorizo-Würsten, gesalzenen Kartoffeln und pikanten Salsas sind äußerst bekömmlich und runden das zumeist auf Kohlenhydraten basierende „Indio-Essen“ gekonnt ab.

Die hereinbrechenden Nachmittagsstunden vertreiben wir uns mit einem gemütlichen Bummel durch die Altstadt, die vielen einladenden Sitzmöglichkeiten verzögern das stetige Vorankommen erheblich und die strahlende Sonne sowie die leicht drückende Hitze unterstützen die einsetzende Trägheit bei uns zusätzlich. Wir reiben uns immer wieder die Augen angesichts der perfekt instandgesetzten alten Bausubstanz, einen Zustand, den wir nach unseren Erfahrungen in Potosi so nicht erwartet hatten. Die geografische Nähe zum „Cerro Rico“ sorgte für fast ebenbürtigen Wohlstand in der einst „La Plata“ (zu Deutsch: „Das Silber“ oder „Der Reichtum allgemein“) getauften Stadt und die Transportwege von den Minen in den Bergen zu den Häfen an der Atlantikküste liefen glücklicherweise über das hiesige Hochplateau. Die Stadt wurde Verwaltungszentrum und Bischofssitz und im Jahre 1825 gar die Hauptstadt des jungen Staates Bolivien. Der Niedergang Potosis und das Erschöpfen der dortigen Silbervorkommen ließ auch Sucre wirtschaftlich und politisch zunehmend in der Bedeutungslosigkeit versinken, sodass La Paz seit nunmehr bereits über 100 Jahren der Sitz der Regierung und das gefühlte Zentrum des Landes ist. In Sachen Schönheit und Anmut allerdings kann die große Schwester im Norden sicherlich nicht mithalten, wovon wir uns am kommenden Morgen und in den folgenden Tagen persönlich überzeugen können.

Das stundenlange „Stop and Go“ im morgendlichen Verkehrsgedränge auf den Ausfallstraßen von El Alto, der Nachbarstadt von La Paz, haben uns schonend, wenn auch nervtötend auf das Großstadtgewühl vorbereitet. Als der Bus nun endlich auf die vierspurige, gut asphaltierte Straße einbiegt, die das Hochplateau des Altiplano, sprich die Stadt El Alto, mit dem bis zu knapp 1.000 Höhenmeter darunter gelegenen La Paz verbindet, stellt sich bei uns eine gewisse Erleichterung ein. Die Abbruchkannte, die urplötzlich das Ende der vormals unendlich erscheinenden Hochebene markiert, gibt den weiten Blick ins Tal des Rio Chokeyapu und auf das Häusermeer von La Paz frei. Zwischen der wohlhabenden „Zona Sur“ auf 3.200 Metern und den mit einfachsten Mitteln zusammen gezimmerten Bruchbuden in den Vororten von El Alto auf 4.100 Metern herrscht nicht nur ein schauerliches Wohlstandsgefälle, sondern oftmals auch ein Temperaturunterschied von mehr als sechs Grad Celsius und eine spürbar andere Luftdichte. Je höher man also kommt in dieser Stadt, desto abenteuerlicher wird die Lage und der Baustil der Behausungen und desto ärmer die dort ansässige Bevölkerung. Die Komplettbebauung des fast senkrecht abfallenden Steilhanges, der den Talkessel von La Paz nach Norden hin abschließt, lässt uns ohne Zweifel staunen.

Wir finden in einer alten Villa im Stadtzentrum eine beschauliche Bleibe für die kommenden Tage und sammeln hier unsere Kräfte für die bevorstehenden Herausforderungen. Die Stadt selbst hat zwar einiges an Kultur und Architektur, Märkten und Nachtleben zu bieten, allerdings tun wir uns schwer damit, nach dem hektischen Transfer von Süd nach Nord mehr als nur eine eher oberflächliche Erkundung der Stadt zu unternehmen. Die Ausflüge ins Getümmel geben uns trotzdem die Möglichkeit, „Hauptstadtluft“ zu schnuppern, auch wenn hier formal nur der Regierungssitz angesiedelt ist. Die Autorität und die Ausstrahlung einer Metropole hat La Paz derweil allemal.