abflug

Auf dem Huegel von Penh

Phnom Penh, 12. Januar 2012

Nun fahren wir also doch bis zur Endstation. Es war eine spontane Entscheidung von uns, nicht wie ursprünglich geplant in Kratie auszusteigen, sondern auf Anraten des Busfahrers sitzenzubleiben und weitere vier Stunden Fahrt in Kauf zu nehmen, um in einem Schwung bis in die Hauptstadt zu gelangen. Unsere Endstation ist Phnom Penh.

Der Grenzübertritt am Vormittag war unkompliziert aber langatmig. Nachdem uns ein Bus auf laotischer Seite vom Inselparadies auf Don Det in kurzer Zeit an die südliche Landesgrenze gebracht hat, müssen wir aussteigen und zusammen mit den anderen Insassen die letzten Meter zu Fuß durch das Niemandsland bis zum Schlagbaum auf der kambodschanischen Seite gehen. Die Luft flimmert in der beginnenden Mittagshitze über dem notdürftig geflickten Asphalt und wir werden von einer drückenden Schwüle empfangen. Während sich der etwas überdimensionierte neue Kontrollpunkt auf laotischer Seite noch im Bau befindet, ist der kambodschanische Gegenpart schon fertig gestellt und zum Einzug bereit. In wenigen Monaten wird diese etwas nostalgisch anmutende Grenzpassage dem Anschein nach in die Moderne katapultiert und den zunehmenden Bus- und LKW-Verkehr auf der alten Kolonialstraße 13, die von Saigon (dem heutigen Ho-Chi-Minh-City) bis an die chinesische Grenze führt, erheblich beschleunigen und vereinfachen. Wir warten schon eine geschlagene Stunde und sind kurz davor, uns den ersten Sonnenstich der Reise einzuheimsen, als unser Busfahrer auftaucht und uns in die überhitzte Fahrgastzelle einlässt. Durch eine trostlos anmutende Landschaft fahren wir auf gut asphaltierten Straßen in Richtung Süden. Am Straßenrand wechseln sich frisch angepflanzte Mango-Plantagen mit brachliegenden, verwilderten Flächen ab, vor deren Betreten große rote Hinweisschilder mit schwarzen Totenköpfen warnen. Noch immer sind weite Landstriche im Nordosten und an der thailändischen Grenze wegen Landminen unpassierbar. Der fast 30-jährige Bürgerkrieg hat in diesen Landesteilen besonders gewütet und hinterlässt bis heute seine Spuren und Millionen von nicht detonierten Sprengkörpern. Die Armut der Bevölkerung in den Dörfern entlang der Straße ist zum Greifen und zieht doch schnell und scheinbar diskret an unserem Busfenster vorbei. Hoffnung auf Fortschritt geben allerdings die zahlreichen Mobilfunkmasten, die wie auch schon in Laos selbst in den einsamsten Gegenden in den Himmel empor ragen. Die flächendeckende Einführung dieser neuen, günstigen Kommunikationstechnologie ist für viele Entwicklungsländer ein großer Schritt und eine immense Chance, insbesondere der Landbevölkerung einen Weg aus der Existenznot zu weisen. Zusammen mit preiswerter, dezentraler und erneuerbarer Energiegewinnung, die jedes noch so kleine Dorf autark mit Elektrizität versorgen würde, könnte die Verfügbarkeit von Internet und Telekommunikation einen gewaltigen Entwicklungssprung für die Ärmsten der Armen in der „Dritten Welt“ bedeuten.

Eine Traube von „Tuk-Tuk“-Fahrern empfängt uns aufgeregt und wild gestikulierend, als wir in den Abendstunden an einer Ausfallstraße aus dem Bus gelassen werden. Einige von ihnen sprechen ein erstaunlich gutes und flüssiges Englisch, das in seiner Breite über das herkömmliche Touristen-Vokabular wie „hello my friend“ oder „do you want Tuk-Tuk“ weit hinausgeht. Angesichts der längst hereingebrochenen Dunkelheit und der einigermaßen ernstzunehmenden Orientierungslosigkeit in der zwei Millionen Einwohner zählenden Metropole, leisten wir uns einen motorisierten Transfer ins Zentrum, ohne allerdings zu wissen, wo wir überhaupt unterkommen werden. Was folgt, ist eine schier endlose Fahrt durch die Stadt, da sämtliche Gästehäuser, die wir ansteuern, entweder schon ausgebucht oder nicht in der erwünschten Preiskategorie sind. Es ist schon spät, als wir schließlich keine Lust mehr haben und für sechs Dollar ein renovierungsbedürftiges Zimmer in einem Hostel beziehen, das unser Fahrer empfohlen hat. Sein anschließender Tipp fürs Abendessen ist um einiges besser und wir werden zudem kostenlos von ihm dorthin gebracht. Die Khmer-Küche ist eine interessante Mischung aus südostasiatischen und indischen Einflüssen. Darüber hinaus werden alle Sorten von Insekten und Reptilien auf den Straßenmärkten in frittierter oder gegrillter Form angeboten. Das gereichte süßlich schmeckende Curry enthält allerdings keine exotische Eiweißbeilage und ist überaus schmackhaft. Auf unserem Spaziergang zurück ins Hotel gegen wir entlang des Tonlé Sap an der Uferpromenade entlang und sind beeindruckt vom modernen Antlitz der Hauptstadt. Die „Perle Asiens“ ist seit ihrer Auferstehung Anfang der 1990er Jahre, die einher ging mit der Öffnung des gesamten Landes, auf dem Weg zurück zu altem Glanz. Das Zentrum hat den vormaligen französischen Charme wiedererlangt und wird dominiert vom hell erleuchteten Königspalast und seinem weitläufigen Vorplatz. Bei diesem Anblick ist es nur schwer vorstellbar, was dieser Stadt und ihren Bewohnern in den letzten 40 Jahren widerfahren ist. In jedem Fall ist der Überlebenswille von Penh, einer weiblichen Sagenfigur, nach der die Stadt benannt ist, bemerkenswert und wir sind neugierig auf die Eindrücke der kommenden Tage.

  1. von abflug gepostet
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de