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Sorgenfrei ins Morgen rein

Waya Island, 19. bis 25. Februar 2012

Der kleine hölzerne Kahn mit Außenborder entfernt sich langsam vom lang ausgestreckten, weißen Sandstrand und steuert auf uns zu. Nach einer zweistündigen Fahrt mit dem „Yasawa Flyer“ durch die Gewässer des Süd-Pazifik erreichen wir das „Octopus Resort“ auf Waya Island. Die offene Bucht mit den Kokosnusshainen am Ufer und den vielen kleinen Bambushütten dahinter wird unsere Bleibe für die kommende Woche sein. Wir hätten uns keinen besseren Platz für unsere Auszeit aussuchen können und die Strapazen der Passage durch Südostasien und die Philippinen scheinen beim Anblick dieser Tropenkulisse in weiter Ferne. Der Bug unseres Landungsbootes schiebt sich knirschend die Uferböschung hinauf und kommt zum Stehen, die Bediensteten spielen den Willkommens-Tusch, komplettiert von einem lautstarken „Bula“ zum Abschluss. Der Versuch, das eigenen Gepäck den Strand hinauf zu tragen, wird im Keim erstickt, stattdessen bekommen wir einen Cocktail in die Hand gedrückt, einen Platz auf dem Sofa zugewiesen und können zuschauen, wie alles gemächlich in „Fidschi-Time“ und doch im Handumdrehen für uns erledigt wird.

„Welcome Lasse.“ Hallo, hier bin ich. „Welcome Matthias.“ Hallo, auch von mir. „Do you have a booking?“ Mist, natürlich nicht. Brauchen wir sowas? „No worries, there are two more beds in the dorm room.” Perfekt. „Breakfast is from 7.30 to 9.30 AM.” Mmh. „Lunch is from 12.30 to 1.30 PM, á la carte.” Aha. „Dinner starts at 7.30 PM every evening.” Schönes Ding. „Blabla bla blablabla.” Hört sich gut an. „Bliblablub.” Ach so ist das. „Any questions?“ Was? „Do you have any questions?“ Ah, ääh, nee, passt schon. Was soll man nun also über diesen Ort schreiben? Was soll man noch für Fragen haben? Es gibt keine, wir haben uns für das „Rundumsorglos-Paket“ entschieden. Sorglos beim Aufstehen, sorglos beim zu Bett gehen, sorglos in den zwölf Stunden dazwischen, sorglos beim Duschen, sorglos beim Schlafen, sorglos beim Essen; was macht man bloß ohne all diese ganzen Sorgen? Genau, das ist die einzige Sorge.

Unser Inselleben beginnt von nun an also jeden Tag um Punkt sieben Uhr morgens mit einer halbstündigen Yoga-Session am Strand. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut, das Rauschen der Brandung fließt durch den Körper, der Wind fährt durch das Haar, die Müdigkeit wird aus den Zellen gepresst und wir verharren in der „Kobra“. Im Anschluss Frühstück: Frische Früchte, Müsli, Omelette nach individuellen Wünschen, Säfte, Kaffee und habe ich schon die Muffins erwähnt? Nein? Dann eben jetzt: Muffins gibt es natürlich auch, jeden Tag frisch, jeden Tag anders, jeden Tag sorgenfrei. Ist das Frühstück erst einmal beendet, was durchaus einige Zeit dauern kann, steht die erste schwere Entscheidung des Tages an. Strand oder Pool? Viele sind an dieser Frage bereits innerlich zerbrochen, es soll doch schließlich der perfekte Urlaub werden und wenn man dann gleich nach dem Frühstück die falsche Entscheidung fällt, kann das Konsequenzen für den gesamten Tagesablauf haben. Hü oder Hott, Dies, Das, Ananas, August oder Klaus, wir entscheiden uns für den Strand und am Strand hängt Mike. Er hängt? Ja er hängt. Mike hängt in seiner Hängematte, scheinbar den gesamten Tag, hier lernen wir ihn kennen und hier werden wir uns bei seiner Abreise von ihm verabschieden, hängend natürlich. Wir hängen uns also dazu, Hängematten gibt es genug, und kommen ins Gespräch. 37 Jahre alt, seit drei Monaten auf Reisen, Australien, Neuseeland, Fidschi, das volle Programm, Job geschmissen, vorher was mit Energie gemacht, Selbstfindung, Abenteuer, einfach mal die Sau raus lassen, leben als gäbe es kein Morgen, Krise, überall Krise, hier ist Ruhe, verdammt nochmal Ruhe. Die Wörter sprudeln aus der Hängematte heraus, sprudeln und sprudeln, surren durch die Luft, schweben in der Waagerechte, finden ihren Weg ins Ohr oder werden von einem Luftzug davon getragen. Es ergibt sich ein klares Bild von Mike aus München.

Die Muschel wird gepustet, eine unfassbar große Muschel, es tutet, unfassbar laut tutet es aus der Muschel heraus und es gibt Mittag. Á la carte, wie es sich gehört, jeden Tag frisch, jeden Tag anders, jeden Tag sorgenfrei. Wir haben keinen Hunger, weil das Frühstück keine drei Stunden her ist, aber das Essen ist im Preis mit inbegriffen und es ist ein Genuss, das kann man nicht leugnen. Beim Essen lernen wir Sascha kennen, der sich nach dem kleinen Plausch am Tisch zu uns in die Hängematten hängt. Österreicher, Student in Wien, Jura, Architektur, hin und her, es ist nicht ganz einfach, die richtige Wahl treffen, „Wer wird Millionär“, Geldsegen, Weltreise. Das ist Sascha. Wieder eine interessante Lebensgeschichte, wieder locker aus der Hängematte heraus vorgetragen, währenddessen findet der Bastel-Kurs am Pool statt und die Erzählstunde im Restaurant. Und nachdem die Happy Hour verstrichen ist, das Bier nun wieder sechs Fidschi Dollar kostet und wir der Sonne beim Untergehen zugeschaut haben, warten wir wieder auf diesen einen Moment. Das Tuten der Muschel. Vorher noch schnell gebadet, geduscht, geputzt…

…und es tutet.

Es ist nicht nur der nächste Aufruf zum Speisen sondern gleichzeitig auch das Signal für das Ausklingen des Tages. Es sind traumhafte Tage, die wir hier verleben, bereichert von Menschen, Gesprächen und Aktivitäten und befreit von Sorgen. Und schon wieder ist Morgen.

  1. yasawaislander hat diesen Eintrag von abflug gerebloggt
  2. von abflug gepostet
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