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Zeitschleife

Auckland/Santiago de Chile, 13. März 2012

Auckland, 11.20 Uhr:

Fristgerecht um 10 Uhr morgens haben wir aus unserem leicht ranzigen, um nicht zu sagen räudigen Hostel ausgecheckt, die 20 Dollar Pfand für den Schlüssel eingesackt und uns vorbei an den zahlreichen Dauergästen, die hier aus unerfindlichen Gründen schon für wer weiß nicht wie lange wohnen, den Weg nach draußen gebahnt. Keine 100 Meter weiter sitzen wir nun in einem kleinen, unscheinbaren, aber hervorragenden Café, genießen den morgendlichen Capucchino und lassen die Blicke über die geschäftige Queensstreet schweifen. Kaum zu glauben, dass wir später zur selben Zeit, am selben Tag vor dem Gepäckband in Santiago stehen und auf unsere Rucksäcke warten werden. Zeitreisen sind unmöglich? Wer weiß das schon.

Santiago, 11.20 Uhr:

Das Schild vor dem Einreiseschalter am Flughafen hält mal wieder eine amüsante Anekdote für uns bereit. Geradezu erfrischend nach 13 Stunden Flug. Amerikaner, Australier, Kanadier, Mexikaner und, Obacht, jetzt kommt der kleine Schmunzler, ALBANER müssen für ihre Einreise teils beträchtliche Summen aufbringen. Was für eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Wenn überhaupt einmal ein Albaner den weiten Weg nach Chile auf sich nimmt, dann wird er gleich am Flughafen derart lieblos  empfangen. Den Albanern wird auch nichts erspart. Der einzige Trost ist, dass die Amerikaner das fünffache an Dollar auf den Tisch legen müssen. Nicht auszudenken allerdings, wie sich ein Albaner mit amerikanischen Pass fühlen muss. Die Welt ist so ungerecht.

Auckland, 13.00 Uhr:

Internationale Flughäfen, diese Kathedralen des postmodernen Mobilitätskultes, versprühen ihren ganz eigenen Flair. Sie sind zu eigenständigen Städten oder vielleicht gar Staaten mutiert, sie bilden eine abgeschlossene Welt, mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten, die der Mensch zum Überleben benötigt oder zumindest meint zu benötigen. Diese Gebilde werden bevölkert von den unterschiedlichsten Menschen, mit den unterschiedlichsten Hautfarben, Konfessionen, Ethnien und kulturellen Hintergründen und alle existieren hier friedlich nebeneinander her, in den Warteschlangen vor den „Check In“-Schaltern, an den Tischen in den Restaurants, an den Spirituosen-Regalen im Duty Free Shop, beim Übersichergehenlassen der Metall- und mittlerweile auch Sprengstoffkontrollen, vor den Toilettenkabinen oder auf den Bänken im Boardingbereich. Sie alle treffen für wenige Minuten aufeinander, ihre Wege kreuzen sich, ohne dass sie davon Notiz nehmen, um wenig später an den unterschiedlichsten Orten dieser Welt zu landen. So wie wir.

Santiago, 13.00 Uhr:

Der Türsummer summt, wir betreten das Grundstück und Victor öffnet die Haustür. Wir haben wie immer eine Bleibe, diesmal sind die zugrunde liegenden Freundschaftsbande allerdings etwas komplizierter als in den bisherigen (Zu)Fällen. Milan, ein Freund von Matthias, hat eine chilenische Freundin, Mabel, deren Bruder, Victor, uns nun aufgrund von Mabels und Milans Abwesenheit die Tür öffnet, uns herzlich empfängt und uns zugleich auf einen Teller Pasta zum Mittag einlädt. Die Fahrt vom Flughafen in den Süden von Santiago war dagegen unerwartet unkompliziert und problemlos, wie als wären wir noch in Auckland. Waren wir das eben nicht auch noch?

 

Auckland, 16.40 Uhr:

Nachdem wir unsere letzten Kiwi-Dollar in einen saftig-fettigen Quarter Pounder bei den Menschen mit dem großen, gelben M auf der Brust investiert und unsere letzte Stunde auf neuseeländischem Boden auf der naturgrünen Wiese vor dem Terminalgebäude gelegen haben, ertönt nun die Durchsage zum Boarding. Der blau-weiße Airbus der chilenischen Fluggesellschaft „LAN“ ist aus Sydney kommend in Auckland zwischengelandet, um hier die letzten freien Plätze zu besetzen, bevor der große Sprung über den Pazifik ansteht. Der Sprung in die Vergangenheit.

Santiago, 16.40 Uhr:

Dumm, dass wir an einem Dienstag fliegen. Samstag oder Mittwoch wäre Lotterie-Tag gewesen und wenn man schon einmal die Möglichkeit hat, die internationale Datumsgrenze von West nach Ost zu überqueren und dementsprechend „in der Vergangenheit“ zu landen, hätte man die sechs Richtigen gleich mitnehmen können. Aber es ist Dienstag, da lässt sich nicht dran rütteln und statt die Millionen zu zählen, sitzen wir am Küchentisch und zählen die Stunden, die der Dienstag nun noch für uns bereit hält. Ein Dienstag, wie er länger nicht hätte sein können. Doch bald ist Schluss. Nach genau 40 Stunden Dienstag.

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