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Kunterbuntes Geburtstagsfest

Valparaíso, 15. bis 17. März 2012

Trotz Milans Abwesenheit wurden die Pläne geschmiedet und die Crew auf wundersame Weise über die neuen Kommunikationsmittel in Windeseile zusammengestellt. Mabel, die Chilenin und Schwester von Viktor, Leona und Sophia aus Lüneburg bilden den weiblichen Part. Lasse, Milan und ich bilden das männliche Pendant der spontanen Reisetruppe. Die sichtlich abgehetzte männliche Mannschaft trifft am Busbahnhof auf die wie immer überpünktlichen Frauen und wir besteigen gemeinsam den Bus. Unser Ziel ist die circa zwei Fahrstunden entfernte Stadt Viña del Mar, 1874 gegründet, Chiles beliebtester Badeort, da er so schnell und einfach von den wohlhabenden Händlern und Großgrundbesitzern in Santiago und Valparaíso zu erreichen ist beziehungsweise war. Aber da wir von den Fidschi-Inseln noch eine Handvoll perfekten weißen Sand in unseren Rucksäcken mitführen, sind wir nicht sonderlich heiß darauf, Stars und Sternchen und der versammelten Schickeria am berühmten Reñaca Strandabschnitt Gesellschaft zu leisten. Wir freuen uns eher über die Gastfreundlichkeit von Jessica, einer sehr guten Freundin von Mabel und bewundern die vielen künstlerischen sowie architektonischen Werke an ihren Zimmerwänden. Das anschließende Abendprogramm könnte typischer kaum ausfallen, unser Weg führt zu einem Restaurant, welches sich auf die Zubereitung von Empanadas (kleine frittierte und individuell gefüllte Teigtaschen) spezialisiert hat und die glückliche Zusammenkunft wird mit einem Cerveza para compartir (1 Liter Bier zum Teilen unter Freunden) angestoßen. Nach der kleinen Knabberei ziehen wir weiter, vorbei an der „Fukushima Atomic Sushi-Bar“ (!) zu einer belebten Straßenkreuzung, an der eine dunkle, aber lebhafte Bar liegt, um den Abend mit Musik und weiteren Cervezas ausklingen zu lassen.

Der Tag beginnt früh, doch bis jeder sich seinen Platz unter der Dusche und später am Frühstückstisch ergattert hat, vergehen einige Stunden, das Haus ist proppenvoll, jedes Zimmer belegt und es herrscht heitere Stimmung. Als geschlossene Gruppe bewegen wir uns per „Micro“ zum Nachbarort Valparaíso, um die einst unglaublich reiche Hafenmetropole zu besuchen. Das an ein Sammeltaxi erinnernde „Micro“   lässt die neugierige Mannschaft kurz vor den großen Hafenanlagen heraus. Wir lassen unsere Blicke über die Kaimauer schweifen, an der unzählige Frachtschiffe und mehrere vor Anker liegende militärische Kreuzer die Szenerie bestimmen, was dafür sorgt, dass der Hafen immer noch einen sehr bedeutenden und belebten Eindruck macht. In Wirklichkeit wurde durch die Eröffnung des Panamakanals über die Jahre die Position der chilenischen Hafenstadt immer bedeutungsloser. Unser Spaziergang führt uns vorbei am Marktplatz und dem Hauptquartier der sehr geschätzten chilenischen Marine zu einem Relikt aus schon lange vergangenen Tagen, ein „Ascensor“, zu Deutsch ein Aufzug, der uns per Winde und Stahlseil für nur wenige Pesos den steilen Hang auf die nächste Ebene der Stadt bringt.

Angekommen in schwindligen Höhen offenbart sich uns ein Straßenbild von bunten Wänden, kreativen, mit Mosaiken verzierten Straßenlaternen, kunterbunten Häuserreihen, Graffiti und Straßenkunst soweit das Auge schauen kann. Da die Tageszeit durch ein spätes und ausgedehntes Mittagessen schon dramatisch vorangeschritten ist, wird Taxi gefahren, Straßen wie San Francisco, enge Gassen wie in Italien und bunte Wände wie in Berlin rauschen an unserem Fenster vorbei. Die Fahrkünste unseres Fahrers lassen uns mehr Zeit für eine ausgiebige Erkundung des „Bellavista“-Viertels, welches von Künstlern, Poeten, Kaufleuten und Architekten im 18. und 19. Jahrhundert geprägt wurde. Dieser Charme ist noch heute zu besichtigen und zu spüren.

Unseren Startpunkt bildet das Haus „La Sebastiana“ , eines der drei Häuser des berühmten Dichters und Poeten Pablo Neruda, welches er 1961 vom Architekten Sebastian Collado kaufte und damit seine eigene goldene Epoche in Valparaíso einleitete. Das Haus ist ein Inbegriff der Kreativität der Stadt und spiegelt durch die ungewöhnliche Bauform und die vielen Sammlerstücke aus Asien, Afrika und Europa die Energie wieder, mit der Neruda seine meist auf Objekte bezogenen Gedichte zum Leben erweckte. Der kulturelle Pfad führt uns vorbei an alten Bauten im Art Déco Stil, vielen in regenbogenfarben bemalten Häusern und Seitengassen bis hin zum großen Freilichtmuseum mit über 20 meterlangen Murals. Das muntere Irren und Staunen zieht sich eine Weile und wird von der Abendplanung und dem darauffolgenden Besuch im Hypermarkt abgelöst. In wenigen Stunden soll Geburtstag gefeiert werden und ein anständiges Grillfest mit Freunden und Bekannten in Viña del Mar auf dem Balkon von Jessica ist geplant. Die Vorbereitungen laufen, Garnelen werden auf Holzspieße gesteckt, Tomaten, Paprika, Zucchini und Kartoffeln in Alufolie verpackt, Brot gebacken und natürlich die dunkelroten Chorizos aus Plastikverpackungen geschnitten. Im Anschluss an das knusprige Grillfest und die mitternächtliche Feierstunde, die mein neues Lebensjahr einläuten, ziehen wir noch weiter in die Stadt, besuchen verschiedene Bars und Clubs und lassen den ereignisreichen Tag schließlich auf dem Balkon bei Jessica zu Hause ausklingen.

Die verbleibenden zwei Tage am Meer vergehen wie im Flug und etwas ruhiger als die Zeit zuvor. Es ist für uns die letzte Möglichkeit durchzuatmen, bevor wir in den nächsten Wochen wohl ein deutlich härteres Programm zu bewältigen haben. Aber der erste Vorgeschmack auf unsere letzte Stationen in Südamerika hätte besser nicht sein können.

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