Bullen, Banker und Bengalen
New York, 17. April 2012
Die Melodie geht ins Ohr, bleibt im Kopf, beschwingt die Sinne, durchfließt die Beine und ist sofort bei mir präsent, sobald ich in diese Stadt komme. Dies ist nun immerhin schon zum dritten Mal der Fall und während in der Ferne die Skyline von Manhattan langsam Konturen annimmt und vor mir die brachliegenden Bahn- und Industrieanlagen von New Jersey am Busfenster vorbeiziehen, summe ich leise diese eingängige Melodie, die Melodie von Frank Sinatras Hymne „New York, New York“. Es ist ein strahlend sonniger Frühlingsmorgen und ich nutze meinen zehnstündigen Aufenthalt in „Big Apple“ für einen Ausflug in die Stadt. Am Vortag hatte ich tatsächlich ohne große Probleme von Travel Nation einen neuen Flug bekommen und noch einen ruhigen und beschaulichen Abschlusstag in Perus Hauptstadt verbringen können. In den späten Abendstunden war mein Südamerika-Abendteuer dann unwiderruflich vorüber und der Flug über das endlose Lichtermeer von Lima hinweg in Richtung pechschwarzen Pazifik war ein letzter, unvergesslicher Augenblick. Die morgendlichen Formalitäten am Flughafen Newark in New Jersey verliefen überraschend zügig, die Zöllner waren ausgesprochen gut gelaunt und die nationale Terrorwarnstufe war ausnahmsweise einmal nicht in der höchsten Kategorie eingestuft. Man könnte meinen es war fast wie früher, bevor die große Terrorhysterie aus dem einstigen „Mutterland der Freiheit“ eine „Trutzburg der Willigen“ werden ließ, ein Land im ständigen Ausnahmezustand.
Meinen Rucksack konnte ich direkt der Gepäckabfertigung übergeben und auch das Boarding-Ticket ist bereits in meinem Besitz. Einem entspannten Tag in Manhattan steht also nichts mehr im Weg, als ich am Time Square aus dem Shuttle Bus steige und über den Broadway in Richtung Herald Square schlendere. In den Großstädten an der amerikanischen Ost- und Westküste, insbesondere in New York und San Francisco, ist erfreulicherweise schon seit Jahren ein deutlich gesteigertes Umweltbewusstsein zu erleben, das zwar nicht vergleichbar ist mit den Fortschritten in Deutschland und Europa, aber immerhin einen wohltuenden Kontrast bietet zu dem weit verbreiteten Bild in der medialen Berichterstattung und der bitteren Realität in den provinziellen Gegenden der Vereinigten Staaten, den Heimatregionen der republikanischen Stammwählerschaft. Der Broadway, die Schlagader von Manhattans Verkehrssystem, ist mittlerweile an vielen Stellen verkehrsberuhigt, Sitzmöbel und Grünanlagen, Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein und machen die einstige Hauptstraße zum Naherholungsgebiet inmitten der Stadt. Auch die vielen Radfahrer, die inzwischen fast mit der Anzahl der „Yellow Cabs“, der berühmten gelbfarbenen New Yorker Taxen, aufnehmen können, bringen frischen Wind ins Straßenbild und sorgen zumindest für eine gefühlte Reduzierung des Kraftfahrzeugverkehrs.
Der altehrwürdige Shoppingtempel von „Macy’s“, der einen gesamten Block einnimmt und in dem man sich mit Leichtigkeit hoffnungslos verlaufen kann, ist das genaue Gegenteil von gefühlter oder tatsächlich praktizierter Nachhaltigkeit. Als Europäer komme ich nicht nur in den Genuss der ohnehin schon günstigen Preise, sondern profitiere zusätzlich auch noch vom nach wie vor günstigen Wechselkurs und einer Vielzahl von Rabattangeboten für Touristen. So gesehen kann ich froh sein, meine Kreditkarte verloren zu haben, ansonsten wäre es durchaus eine Herausforderung gewesen, den zahlreichen Verlockungen zu widerstehen. Für ein Paar Schuhe und eine neue Hose reichen die letzten Bargeldreserven schlussendlich doch noch und für das Subway-Ticket nach Downtown Manhattan, wo das Pflichtprogramm meines Kurzbesuches in New York auf mich wartet: Ein Abstecher ins Epizentrum der Finanzkrise von 2008 und der „Occupy-Proteste“ 2011.

Die Rolltreppe, die mich nach einer holprigen und turbulenten U-Bahnfahrt wieder zurück ans Tageslicht befördert, mündet direkt auf dem Vorplatz des „Staten Island Ferry Terminals“ an der Südspitze Manhattans. Während das Horn der Fähre vom Pier herüber schallt, laufe ich durch den angrenzende Battery Park, der gegen die Mittagszeit selbstverständlich gut besucht ist. Die zahlreichen Angestellten der umliegenden Bürotürme verbringen hier ihre wohlverdiente Pause bei Caesar Salad und Coke Zero, bevor es zurück geht vor den Computer und in den Hochgeschwindigkeitszirkus des Financial District. Ich hingegen habe mehr Zeit mitgebracht, beobachte die Passanten und lasse die Blicke über den Hafen schweifen, hinüber zu „Ellis Island“ und der Freiheitsstatue, die unverändert herrschaftlich die Silhouette über dem Hudson River bestimmt . Ob die Amerikaner heutzutage noch derlei Geschenke aus dem „alten Europa“ annehmen würden angesichts von Irak-Krieg-Verweigerung und Finanztransaktionssteuer-Forderungen? Andererseits könnten sich die Franzosen ihrerseits wahrscheinlich auch nicht mehr solch großzügige Geschenke leisten, weder finanziell noch politisch.

Von der beschaulichen Parkbank am Wasser zum hektischen Treiben an der Wallstreet sind es nur wenige hundert Meter. Der untere Broadway ist überfüllt mit Bankern, Fondsmanagern und Touristen, ein Vorankommen ist schwierig und erfordert einiges an Geduld. Der überdimensionierte, bronzene Bulle an der Kopfseite des Bowling Green Parks ist von Sicherheitsgittern und Polizisten umstellt, was die unzähligen Schaulustigen allerdings nicht daran hindert, Schnappschüsse für das Urlaubsalbum zu schießen. Auf der Vorderseite des Gebäudes der New York Stock Exchance, in der Wallstreet Ecke Broad Street, nimmt die Hysterie dann in jeglicher Hinsicht absurde Züge an. NYPD-Polizisten mit stählernen Panzerwagen, skandierende Occupy-Aktivisten mit selbstbemalten Transparenten, schwerbewaffnete SWAT-Einheiten mit Maschinengewehren und sensationshungrige Touristen mit den neuesten Kameraobjektiven kämpfen um die Deutungshoheit auf dem Platz, die Stimmung ist angespannt aber friedlich und trotzdem in gewisser Weise surreal. Dieser Platz war schon immer ein Magnet, das Herz der kapitalistischen Welt, aber seit der Subprime-Krise von 2008 und den darauf folgenden weltweiten Verwerfungen im Finanz- und Wirtschaftsgefüge ist die Anziehungskraft noch kräftiger, noch magischer geworden. Es liegt etwas Geheimnisvolles in der Luft, etwas Überirdisches, die Gewissheit, dass niemand der hier Anwesenden weiß oder erklären kann, was hinter den glänzenden Hochhausfassaden passiert und was für Auswirkungen dieses Handeln auf uns alle hat. Die Demonstranten in dem zwei Blocks entfernten Zucotti Park, der eigentlich ein zubetonierter Platz ist, meinten zumindest verstanden zu haben, dass dieses Handeln schädlich, geradezu absurd ist, bevor sie im Frühjahr diesen Jahres von der Polizei vorerst vertrieben wurden. Die Empörung über die Gebärden der Finanzindustrie ist seitdem keineswegs kleiner geworden, auch wenn die augenscheinliche Normalität dies suggerieren könnte. Es ist nur eine Atempause, die Ruhe vor dem großen Showdown, der früher oder später kommen wird. Die überallhin deutlich sichtbare Präsenz der Polizei, die sogar Wachtürme und Stacheldrahtverhaue rings um den Platz errichtet hat, von den patrollierenden Spezialeinheiten und den aufgefahrenen Panzerwagen ganz zu schweigen, lässt nichts Gutes erahnen. Ein Staat und seine fragwürdige, sogenannte Elite verschanzt sich vor seinen Bürgern. Sieht so die Demokratie im 21. Jahrhundert aus?

Der Nachmittag ist angebrochen und ich begebe mich zurück zur 42. Straße, um pünktlich und mit einem komfortablen Zeitpolster in Richtung Newark zu fahren. Unter keinen Umständen soll nun noch etwas schiefgehen auf den letzten Metern, der überflüssige Ärger in Peru hat fürs Erste gereicht. Ich reihe mich also ein in die Schlange der Wartenden und bin etwas verwundert über die Vielzahl der Menschen, die hier schon stehen, denn der Bus soll eigentlich alle 15 Minuten verkehren. Heute tut er das anscheinend nicht. Nach einer halben Stunde werde ich und alle anderen Fahrgäste darüber informiert, dass gleich mehrere Fahrzeuge liegen geblieben sind und der nächste Bus wohl erst in zwei Stunden eintreffen wird. Das wäre nicht sonderlich ärgerlich, wenn ich nicht schon für das Ticket bezahlt hätte und die alternative Taxifahrt 60 Dollar kosten würde. Ich habe 15 und keinen Cent mehr. Zusammen mit drei weiteren Wartenden besteige ich ein Taxi und bin froh, auf diese Weise eventuell doch noch mit meinem Restbudget auszukommen. Von hier an sollte eigentlich alles Routine sein. Der gut ausgebaute Lincoln-Tunnel führt drei Blocks entfernt hinüber nach New Jersey und mündet auf einem Freeway, der auch zur Rushhour über ausreichende Kapazitäten für die anrollende Blechlawine verfügt.
Der indische Fahrer ist zwar etwas ungehalten darüber, dass er bis hinaus nach Newark fahren soll, auch weil er erst dreimal dort gewesen sei, sein GPS würde aber sicherlich den richtigen Weg finden, inklusive Stauwarnmeldungen. Meine beiden afro-amerikanischen Mitfahrer neben mir auf der Rücksitzbank, ein Diplomat der Vereinten Nationen und eine Managerin aus San Francisco, flachsen noch über die angebliche Tollpatschigkeit des Fahrers und raten ihm lautstark, in jedem Fall den Lincoln-Tunnel zu benutzen, als dieser bereits stur an der Abfahrt zum Tunnel vorbeifährt. Jetzt kochen die Emotionen erst richtig hoch. Der Inder faselt etwas davon, dass der Lincoln-Tunnel aufgrund von Verkehrsstau derzeit nicht passierbar sei und der Holland-Tunnel die weitaus bessere Alternative darstellen würde. Das hätte ihm sein GPS-Gerät geraten. Der Afro-Amerikaner geht daraufhin fast an die Decke und kann von seiner Nachbarin nur schwer beruhigt werden. Er scheint zu ahnen, was für ein Fiasko sich hier gerade anbahnt. Der Holland-Tunnel führt ebenfalls hinüber nach Jersey, allerdings ist er an der Südspitze Manhattans gelegen. Äußerst ungünstig also, wenn man sich wie wir in Midtown befindet und die abendliche Rushhour begonnen hat. Und die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich tatsächlich zu bewahrheiten. Wir benötigen knappe 35 Minuten, um überhaupt erst einmal zum Tunneleingang zu gelangen. Auf der Uferstraße am Hudson River geht es nicht mehr vor und nicht zurück, die Stimmung im Wagen ist auf dem Siedepunkt angelangt und die ursprünglich äußerst großzügig bemessenen zweieinhalb Stunden bis zum Abflug sind auf 70 Minuten zusammen geschmolzen. Mein Puls steigt von Minute zu Minute, die Hitze im Wagen wird unerträglich, die Luft bietet kaum noch Sauerstoff.
Als endlich das helle Licht am Tunnelausgang in Sichtweite kommt, wird aufgeatmet im Fonds des Wagens. Das Gröbste scheint geschafft zu sein, nun ist es nicht mehr weit zum Freeway und zum Terminal. Die an- und abfliegenden Maschinen sind ebenso wie der Kontroll-Tower bereits in der Ferne zu sehen. Doch die Spannung bleibt erhalten, dank des technisch ausgereiften GPS-Gerätes unseres indischen Freundes am Steuer. Das Absurde, fast schon Beängstigende an dieser Technologie ist, dass die menschlichen Nutzer innerhalb kürzester Zeit jegliche Fähigkeiten für eine natürliche Orientierung verloren zu haben scheinen. So schafft es der überforderte Bengale tatsächlich, an einem gigantischen, grünen Schild mit der Aufschrift „Freeway//Newark Airport“ vorbeizufahren, weil sein Navigationssystem noch eine Stadtrundfahrt durch Jersey City eingeplant zu haben scheint. Es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich komme mir vor wie in einem Laborversuch. Fünf Menschen auf engstem Raum, jeder von ihnen bis zum Äußersten angespannt, Adrenalin rauscht durch die Venen, Aggressionen werden frei. Der gleichsam überforderte Beifahrer, ein bleicher, rothaariger Mann mit dem aufgequollenen Gesicht eines Marshmallow, versucht hektisch die schreiend und theatralisch vorgetragenen Anweisungen meines Buddys auf der Rücksitzbank in die Tat umzusetzen und tippt wie wild auf dem Navigationsgerät herum. Zu allem Überfluss sagt der Inder in dieser emotional aufgeladenen Situation diesen einen verhängnisvollen Satz: „I don’t know why but for a couple of days now the system is not really working. I had a lot of problems with the navigation during the last few days.“ Für einige Sekunden ist es augenblicklich still im Wagen. Es ist der Moment in dem ich weiß, dass ich diesen Flug unmöglich noch erreichen kann. Gestrandet in New York, ohne Geld und ohne Flug, aber mit einem defekten GPS-System und einem hirnverbrannten Inder in einem Taxi in Jersey City. Wie konnte das passieren?
Während der Fahrer verzweifelt versucht, zurück auf die Schnellstraße zu gelangen, immer angetrieben von den, mittlerweile muss man es so nennen, Hasstiraden meiner Afro-Amerikanischen Beifahrer, die verständlicherweise jegliche Contenance abgelegt haben, schaue ich verloren aus dem Fenster, den Tränen nah. Ich habe resigniert, als wir endlich das Flughafengelände erreichen, 15 Minuten vor Abflug, was nicht ausreichen wird für die überbordenden Sicherheitskontrollen in der Abflughalle. Zusammen mit Michael, dem Diplomaten, der heute noch nach Genf zum Gala-Dinner fliegen muss, sprinte ich so gut es mit den Knieschmerzen eben geht durch das Terminal-Gebäude. Im Laufen ruft er mir zu, bereits völlig außer Atem, dass er mich mit seinem Diplomanten-Pass durch die Kontrollen bringen will und ich mir bloß nichts anmerken lassen solle. Es klingt absurd, aber es ist meine letzte Chance. Der erste Zöllner winkt uns durch, der zweite will wissen, wer ich bin, der dritte meint, dass es so eigentlich nicht geht. Michael schafft es trotzdem. Wir schmeißen unser Handgepäck, unsere Laptops, unsere Schuhe und alles, wo sonst noch Sprengstoff und Waffen versteckt sein könnten auf das Laufband und schreiten halbnackt durch den Metalldetektor. Das Piepen bleibt aus. Wir raffen unser Gepäck zusammen, es reicht noch für eine Umarmung, ich bedanke mich hastig bei meinem Gönner und hinke zum Gate. Und sitze Minuten später tatsächlich im Flugzeug, Sitz 28B, schweißgebadet und erschöpft. Aber glücklich.
Ein Herzschlagfinale, das an Dramatik nicht zu überbieten war, aber das diese Reise erst recht unvergessen macht. Eine Reise, die mich und uns einmal um die Erde geführt hat und die nun dort enden wird, wo sie begonnen hat. In Hamburg-Fuhlsbüttel.
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von thepeoplesrecord als Favorit markiert
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von abflug gepostet